Beckenbodenbeschwerden nach der Geburt sind weit verbreitet und dennoch oft ein Tabuthema. Umso wichtiger sind eine frühzeitige Sensibilisierung, eine präventive Begleitung und die Integration in den Alltag. Sie sind entscheidend für die Gesundheit und Lebensqualität von Frauen.
Eine meiner ehemaligen Patientinnen meldete sich zwei Jahre nach der Geburt ihres Kindes bei mir. Sie berichtete über Belastungsinkontinenz beim Laufen, Lachen und Niesen. Bewegung vermeidet sie inzwischen zunehmend, ihr Lebensradius wird Schritt für Schritt kleiner.
Solche Fälle sind kein Einzelfall! Sie begegnen uns im Alltag häufiger, als wir vielleicht vermuten.
Etwa 25 Prozent aller Frauen in Deutschland sind von Harninkontinenz oder anderen Beckenbodenbeschwerden betroffen.1 Studien zeigen zudem, dass ein erheblicher Anteil der Frauen im Verlauf nach einer Geburt Beckenbodendysfunktionen entwickelt.3
Weltweit sprechen wir über mehr als eine Milliarde betroffener Frauen.3
Am häufigsten zeigt sich eine Belastungsinkontinenz, gefolgt von der Dranginkontinenz. In schweren Fällen kann es nach ausgeprägten Geburtsverletzungen auch zu einer Stuhlinkontinenz kommen.4
Und dennoch wird dieses Thema im Versorgungsalltag oft noch zu selten aktiv angesprochen.
Umso wichtiger ist ein genauer Blick auf den Beckenboden selbst: Er ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Muskulatur, Faszien und Bindegewebe und spielt eine zentrale Rolle für Kontinenz, Organhalt und Körperstabilität.
Neben bekannten Risikofaktoren wie Bindegewebsschwäche, Übergewicht oder hormonellen Veränderungen wirken auch geburtshilfliche Einflüsse.3
Dazu gehören eingeschränkte Geburtspositionen, eine überwiegend liegende Geburtsführung, angeleitetes kraftvolles Pressen sowie makrosome Kinder. Diese Faktoren können das Risiko für Beckenbodenverletzungen erhöhen.3
Prävention beginnt in der Schwangerschaft
Beckenbodengesundheit sollte idealerweise bereits in der Schwangerschaft thematisiert werden.
In der Praxis zeigt sich jedoch, dass viele Frauen erst im Rückbildungskurs ein erstes Verständnis für ihren Beckenboden entwickeln, da ihnen zuvor wichtige Zusammenhänge oft nicht bekannt waren.4
Dabei kann frühzeitige Aufklärung viel bewirken. Schon einfache Übungen helfen, ein besseres Körpergefühl zu entwickeln und Sicherheit im eigenen Körper aufzubauen.
Eine kleine Übung für den Alltag lässt sich unkompliziert integrieren: Beim Zähneputzen wird der Beckenboden beim Ausatmen aktiviert, gleichzeitig gehen die Frauen auf die Zehenspitzen, halten die Spannung und lösen sie anschließend wieder bewusst. Diese Sequenz kann während des gesamten Zähneputzens immer wieder wiederholt werden.
Auch im Sitzen kann trainiert werden: Aufrecht sitzen, ein Kissen zwischen die Knie legen, beim Ausatmen den Beckenboden aktivieren und sanft Druck aufbauen, anschließend wieder lösen.
Ebenso wichtig ist die Vorbereitung auf die Geburt. Frauen sollten darin bestärkt werden, aufrechte Positionen einzunehmen und ihrem natürlichen Pressdrang zu folgen.
Internationale Studien zeigen, dass aufrechte Gebärpositionen mit weniger Interventionen und teilweise auch mit geringerer Rate an Dammverletzungen verbunden sind.5
Rückbildung ist ein Prozess
Ein Rückbildungskurs ist ein wichtiger erster Schritt, aber kein Abschluss.
Für eine nachhaltige Regeneration braucht es die Integration des Beckenbodens in alltägliche Bewegungsabläufe.
Studien zeigen, dass ein Teil der Beschwerden auch längerfristig bestehen bleiben kann.2 Umso wichtiger ist es, frühzeitig zu begleiten und Frauen in diesem Prozess zu unterstützen.
Mehr als ein körperliches Thema
Beckenbodenfunktionsstörungen wirken sich oft auf viele Lebensbereiche aus. Sie beeinflussen Bewegung, Alltag und auch die psychosoziale Gesundheit.3
Auch Veränderungen in der Sexualität sind keine Seltenheit, werden jedoch häufig nicht angesprochen. Gerade hier kann Fachpersonal viel bewirken, indem es das Thema selbstverständlich und behutsam zur Sprache bringt.
Mögliche Fragen könnten sein:
• Haben Sie Veränderungen beim Wasserlassen bemerkt?
• Verlieren Sie gelegentlich Urin bei Belastung?
• Möchten Sie, dass wir uns Ihren Beckenboden gemeinsam anschauen?
Auch die Einbeziehung von Partnerinnen und Partnern kann unterstützend sein und das Verständnis für die Situation der betroffenen Frau stärken.
Mehr als nur Einlagen
Saugfähige Einlagen können entlasten, lösen jedoch nicht die Ursache.
Ziel sollte es immer sein, die Funktion des Beckenbodens nachhaltig zu verbessern.3
Gemeinsam besser versorgen
Hebammen spielen hier eine zentrale Rolle in der Begleitung, nicht zuletzt, weil sie in der Regel über ein sehr gutes Netzwerk verfügen.
Bei anhaltenden Beschwerden ist eine Weiterleitung sinnvoll, etwa in die Urogynäkologie oder zu spezialisierter Physiotherapie.
Interdisziplinäre Beckenbodenzentren bieten hierfür gute Möglichkeiten, da dort unterschiedliche fachliche Kompetenzen zusammenkommen.
Ein Blick über die Grenzen
Ein Blick in andere Länder zeigt, wie unterschiedlich mit dem Thema umgegangen wird.
In Frankreich ist die Beckenbodenrehabilitation nach der Geburt fester Bestandteil der Versorgung und wird standardisiert verordnet.3 In skandinavischen Ländern liegt der Fokus stärker auf bewegungsorientierter Geburtshilfe und der Förderung selbstbestimmter Geburtspositionen.3
Beide Ansätze verdeutlichen, dass Prävention früh beginnen kann und strukturell verankert werden sollte.
Fazit
Beckenbodengesundheit ist ein zentrales Thema der Frauengesundheit.
Für Fachpersonal bedeutet das, frühzeitig zu informieren, sensibel anzusprechen und präventive Maßnahmen bewusst in die Betreuung zu integrieren.
Der Rückbildungskurs ist dabei nicht das Ende, sondern der Beginn eines Prozesses. Ein gut funktionierender Beckenboden entsteht durch Aufmerksamkeit, Wissen und kontinuierliche Begleitung.
Und er bedeutet vor allem eines: mehr Lebensqualität.
Veröffentlicht im Mai 2026. Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit einer Expertin erstellt, die von MAM eine Vergütung erhielt.
Literatur:
1. Universitätsklinikum Jena. (2024, 4. September). Wenn der Beckenboden nach Schwangerschaft und Geburt gelitten hat. https://www.uniklinikum-jena.de/geburtsmedizin/%C3%9Cber+uns/Aktuelles/Pressemitteilungen/Wenn+der+Beckenboden+nach+Schwangerschaft+und+Geburt+gelitten+hat-pos-0.html
2. Moossdorff-Steinhauser, H. F. A., Berghmans, B. C. M., Spaanderman, M. E. A. & Bols, E. M. J. (2021). Prevalence, incidence and bothersomeness of urinary incontinence between 6 weeks and 1 year post-partum: a systematic review and meta-analysis. International Urogynecology Journal, 32(7), 1675–1693.
3. González-Timoneda, A., et al. (2025). Prevalence and impact of pelvic floor dysfunctions on quality of life in women 5–10 years after their first vaginal or caesarian delivery. Heliyon, 11(3), e42018.
4. Lüking, K. (2024). Königin im Wochenbett. Südwest.
5. Gupta, J. K., Sood, A., Hofmeyr, G. J., & Vogel, J. P. (2017). Position in the second stage of labour for women without epidural anaesthesia. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2017(5), CD002006.