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Scientific Interview

Die Kleinsten stark machen

Constanze Valerie Vetter, BSc


Interview mit Constanze Valerie Vetter, Logopädin auf der Neonatologie und Kinderstation des St. Josef Krankenhaus Wien, zur logopädischen Unterstützung bei Frühgeborenen; durchgeführt von Dr. Johanna Tiroch, Expert Medical Affairs bei MAM Babyartikel GmbH.
 
 
 
MAM: Liebe Constanze, ich freue mich sehr, dich zur logopädischen Unterstützung bei Frühgeborenen interviewen zu dürfen.
 
Constanze Valerie Vetter: Vielen Dank für die Möglichkeit, meine Arbeit näher vorzustellen.
 
MAM: In deinem beruflichen Alltag arbeitest du mit Frühgeborenen, die mit Herausforderungen im Bereich der oralen Entwicklung kämpfen. Wann wirst du als Logopädin hinzugezogen?
 
Constanze Valerie Vetter: Viele Frühgeborene haben Schwierigkeiten mit der Koordination von Saugen, Schlucken und Atmen. Diese Fähigkeit reift in der Regel erst zwischen der 30. und 34. Schwangerschaftswoche aus. Ohne funktionierende Saug-Schluck-Atem-Koordination können während des Trinkens Atemaussetzer auftreten. Hinzu kommt, dass Frühgeborene in ihrer Wahrnehmung im und um den Mund sehr sensibel sind, wodurch die Kinder teilweise zu stark auf Reize reagieren. Als Logopädin behandle ich Neugeborene mit Schluckstörungen oder einer Trinkschwäche. Bei Frühgeborenen beginne ich spätestens ab der 32. Schwangerschaftswoche mit einer logopädischen Intervention, da zu diesem Zeitpunkt eine orale Ernährung möglich wäre.
 
MAM: Wie läuft die logopädische Unterstützung bei Frühgeborenen im Allgemeinen ab und welche Ziele verfolgst du dabei?
 
Constanze Valerie Vetter: Die logopädische Unterstützung soll den Säuglingen beim Übergang von der Sonde zu einer komplett oralen Ernährung helfen. Dabei ist das Erlernen der Saug-Schluck-Atem-Koordination eines der wichtigsten Ziele. Zu Beginn teste ich die Sensibilität im Mundbereich und prüfe Such-, Saug- und Schluckreflex. Der Weg bis zum ersten Trinkversuch ist oft ein längerer und benötigt mehrere Zwischenschritte. Wichtig sind zudem die Stimulation und Kräftigung der Muskeln im Mund- und Gesichtsbereich durch behutsame Massagen. Durch Ausstreichen des Mundinneren kann ich der Hypersensibilität entgegenwirken. Ich achte darauf, dass die Kinder die Berührungen positiv empfinden, und binde die Eltern von Anfang an ein.
 
MAM: Setzt du auch Hilfsmittel wie Schnuller bei logopädischen Interventionen bei Frühgeborenen ein?
 
Constanze Valerie Vetter: Auf der Neonatologischen Intensivstation (NICU) hat der Schnuller nahezu den Stellenwert eines Medikaments, denn das non-nutritive Saugen (Saugen ohne Nahrungsaufnahme) wirkt schmerzlindernd und unterstützt die Selbstregulation der Frühgeborenen. In der logopädischen Therapie wird der Schnuller zudem gezielt als therapeutisches Hilfsmittel eingesetzt, um das orale Saugen zu fördern, die Muskelaktivität im Mundbereich zu stärken und die sensorische Regulation der Kinder zu verbessern. Zunächst wird das Frühgeborene sondiert und saugt dabei am Schnuller. Im nächsten Schritt kann ich während des Saugens mit Hilfe einer Spritze mit Silikonaufsatz – mit dem sogenannten Fingerfeeder – tropfenweise Milch über den Mundwinkel in den Mund des Säuglings geben. Beim Stillen kommen oft Stillhütchen zum Einsatz, weil die Mamille für das Kind meist noch zu groß ist und die Kraft, die Brust zu halten, noch fehlt. Manchmal werden auch Brusternährungssets genutzt. Fläschchen sind ebenso ein Thema.
 
MAM: Wie unterstützt du Frühgeborene und Eltern auf dem Weg zum selbstständigen Trinken?
 
Constanze Valerie Vetter: Erst wenn Saugen und Schlucken gut funktionieren, die Reflexe auslösbar sind und Reize gut toleriert werden, kann man zum Trinken übergehen. Ist Stillen das Ziel, wird das Kind in der Füttersituation zunächst an die Brust angelegt und sondiert. Auf Wunsch der Mutter kann aber auch die Flasche genommen werden. Dabei leite ich die Eltern genau an: Die Flasche sollte waagrecht gehalten werden, um den Milchfluss zu reduzieren, und der Sauger sollte gut im Mund sein, damit der Saugreflex ausgelöst werden kann. Später lassen sich Brust und Flasche in einer Mahlzeit kombinieren.
 
MAM: Du kennst die MAM Babyflaschen, Sauger und anderen Produkte aus dem Praxisalltag. Besonders interessiert mich, welche Erfahrungen du mit dem MAM Frühgeborenen-Schnuller (Anmerkung: MAM Preemie und MAM Comfort) gemacht hast.
 
Constanze Valerie Vetter: Den MAM Preemie-Schnuller für Frühgeborene verwende ich sehr oft. Für Frühgeborene ist das meiner Meinung nach der beste Schnuller von allen, die ich bisher ausprobiert habe. Er ist klein, sehr weich und ich kann das Schild flexibel anpassen, je nachdem wo etwa die Sonde platziert ist oder falls es zusätzlich eine Atemunterstützung gibt. Das Loch ist zudem sehr praktisch für die Verwendung eines Fingerfeeders. Sind die Kinder größer (ca 34. SSW) brauchen sie manchmal auch einen stärkeren Reiz im Mund und dann wird statt dem MAM Preemie der MAM Comfort Schnuller verwendet. Das wird individuell je nach Säugling und Sensibilität entschieden.
 
MAM: Begleitest du die Kinder nur während des Klinikaufenthalts oder auch nach der Entlassung? 
 
Constanze Valerie Vetter: Ich begleite die Frühgeborenen in der Regel nur in der Klink. Das Gute ist, dass fast alle Kinder nach der Entlassung keine besondere Behandlung mehr benötigen. Wenn dennoch ein logopädisches Problem auftritt, etwa ein verkürztes Zungenband, das zuvor noch nicht so ausgeprägt war, können die Eltern jederzeit Kontakt mit mir aufnehmen und mit dem Kind in die Ambulanz oder Praxis kommen.
 
MAM: Du behandelst auch reifgeborene Babys. Gibt es da Unterschiede im Vergleich zu Frühgeborenen?
 
Constanze Valerie Vetter: Die logopädische Unterstützung verläuft bei beiden Gruppen ähnlich. Die Ursachen einer Trinkschwäche sind jedoch andere: Bei Reifgeborenen können beispielsweise Einflüsse, die während der Geburt auf das Kind eingewirkt haben, eine Rolle spielen. Ein weiterer Unterschied ist, dass Reifgeborene anders als Frühgeborene nicht überempfindlich auf Reize reagieren, was die Therapie vereinfacht.
 
MAM: Was motiviert dich tagtäglich bei deiner Arbeit?
 
Constanze Valerie Vetter: Es ist schön zu sehen, wie Frühgeborene sich entwickeln. Auch die Eltern werden mit der Zeit sicherer im Umgang mit ihrem Kind. Dann zahlt sich die ganze Arbeit aus. Der schönste Moment ist für mich, wenn das Stillen zum ersten Mal richtig klappt. Das gibt mir Kraft für meine Arbeit.
 
MAM: Am 17. November ist Welt-Frühgeborenentag. Was bedeutet dir dieser Aktionstag?
 
Constanze Valerie Vetter: Ich finde es sehr wichtig, das Thema Frühgeburt in den Fokus zu rücken und zu zeigen, dass ein Start ins Leben auch anders aussehen kann. Die Klinikzeit bei einem Frühgeborenen ist oft lang und von Ängsten und Sorgen geprägt. Ich sehe im Welt-Frühgeborenentag die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen und dass sich Menschen finden, die Ähnliches erlebt haben.
 
MAM: Was möchtest du Eltern von Frühgeborenen mit auf den Weg geben?
 
Constanze Valerie Vetter: Ich möchte betroffene Eltern ermutigen, auf ihre Intuition zu vertrauen und sich auch mal Zeit zu nehmen, um Energie zu tanken. Ganz wichtig: Nur weil eine Frau nicht stillt, ist sie keine schlechte Mutter! Muttermilch hat einen sehr hohen Stellenwert und ist vor allem für die Verdauung und das Immunsystem des Babys in den ersten Wochen wesentlich, aber später muss Zeit für positive Erfahrungen mit dem Kind bleiben. Zu wissen, dass Stillen und Muttermilch aus der Flasche kombinierbar sind, ist oft eine große Erleichterung für die Eltern.
 
Dieses Interview entstand in Kooperation mit einer Expertin, die eine Vergütung von MAM erhalten hat. Veröffentlicht im November 2025.
 

 Lesetipps zum Thema logopädische Unterstützung bei Frühgeborenen:

  • Biber, D. (2014). Frühkindliche Dysphagien und Trinkschwächen. Berlin/Heidelberg: Springer. 
  • Hübl, N., Kaufmann, N., Randweg, S. (2020). Präventive Arbeit auf der neonatologischen Station. Beitrag der Logopädie zur Ernährungsentwicklung von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen. Forum Logopädie, 34(6), 30-35.
  • Medizinische Universität Wien, Universitätsklinikum Wien (2022). Ratgeber Logopädie. Tipps zur Entwicklung und Förderung der oralen Funktionen. Wien: Wiener Gesundheitsverbund.

Constanze Valerie Vetter, BSc

Logopädin und Still- und Laktationsberaterin (IBCLC)

Constanze Valerie Vetter, BSc, ist selbstständige Logopädin und IBCLC (zertifizierte Still- und Laktationsberaterin) mit langjähriger Erfahrung in der Neonatologie und Kindertherapie. Sie arbeitet im St. Josef Krankenhaus Wien sowie in der Kinderarztpraxis NEST und betreut Früh- und Neugeborene bei Trinkschwächen sowie Säuglinge und Kleinkinder in der logopädischen Praxis.