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Scientific Article

Förderung und Schutz des elterlichen Wohlbefindens durch eine einfühlsame Versorgung

Dr. Jenna Brough – Perinatale Klinische Psychologin (UK)


 

Die frühe Phase der Elternschaft ist durch tiefgreifende körperliche, emotionale und soziale Veränderungen geprägt. Viele Familien erleben diese Zeit zugleich als bereichernd und belastend. Gesundheitsfachkräfte haben in dieser Phase eine zentrale Rolle: Sie sind häufig erste und regelmäßige Ansprechpartner. Ihre Wortwahl, ihre Haltung im Gespräch und die Art der Reaktion beeinflussen nicht nur das unmittelbare Erleben der Eltern, sondern auch deren langfristiges seelisches Wohlbefinden.

Dieser Artikel beschreibt drei grundlegende Elemente einfühlsamer Versorgung – aktives Zuhören, achtsame Sprache und mitfühlende Reaktionen – und zeigt praxisnahe Ansätze für die tägliche Arbeit auf.

1. Aktives Zuhören: Hinter den Worten das Anliegen erkennen
In klinischen Arbeitsabläufen stehen oft Zeitdruck, Dokumentationspflichten und standardisierte Abläufe im Vordergrund. Diese Strukturen sind notwendig, lassen jedoch wenig Raum, um individuelle Belastungen der Eltern wahrzunehmen.
Aktives Zuhören bedeutet, nicht nur die gesprochenen Worte zu registrieren, sondern auch Tonfall, Körpersprache und unausgesprochene Hinweise zu berücksichtigen. Eltern äußern Belastungen – etwa zu Stillen, Schlaf, körperlicher Erholung oder seelischer Verfassung – häufig indirekt. Ohne Gelegenheit zur Vertiefung bleiben diese Themen jedoch unerkannt.
Praxisempfehlungen:
  • Kurze Gesprächspausen zulassen: Ein Moment der Stille kann Eltern ermutigen, weiter auszuführen.
  • Reflektierende Rückmeldungen geben: Formulierungen wie „Es klingt danach, dass Sie sich … fühlen“ zeigen echtes Interesse und Verständnis.
  • Offene Fragen stellen: „Wie geht es Ihnen emotional mit der aktuellen Situation?“ eröffnet eher ein Gespräch als ein geschlossenes „Kommen Sie zurecht?“.
Studien belegen, dass Eltern, die sich ernsthaft gehört fühlen, eher Belastungen mitteilen, sich aktiver an der Versorgung beteiligen und stärkeres Vertrauen in das Behandlungsteam entwickeln.¹ ² 
2. Die Bedeutung einer respektvollen und präzisen Sprache

Die Sprache prägt die Beziehung zwischen Fachkräften und Eltern. Sie kann beruhigen, orientieren und stärken – oder sie kann verunsichern, beschämen oder Eltern mundtot machen. Dies gilt sowohl im direkten Gespräch als auch in der internen Kommunikation wie Dokumentation, Übergaben oder Fallbesprechungen.

Eine förderliche Sprache ist:

  • Wertfrei: Statt „fehlgeschlagene VBAC*“ besser „Kaiserschnitt nach Geburtsversuch“. Statt „Intervention abgelehnt“ eher „entscheidet sich zunächst abzuwarten“.
  • Personenorientiert: Eltern nicht auf ihre medizinische Situation reduzieren („die Sectio in Zimmer 3“), sondern als Individuen ansprechen.
  • Ressourcenorientiert: Anstrengung, Bewältigungsstrategien und Fortschritte hervorheben, um Scham und Selbstvorwürfe entgegenzuwirken.

Forschungen zeigen, dass abwertende oder negative Sprache in der Geburtshilfe mit schlechteren emotionalen Ergebnissen sowie einem erhöhten Risiko für postnatale psychische Belastungen verbunden ist.³ ⁴ Eine wertschätzende und bestätigende Sprache hingegen fördert positive Geburtserfahrungen und stärkt das Vertrauen in die elterliche Kompetenz.⁵

3. Mitfühlende Reaktionen: Belastung ernst nehmen, ohne sie zu übernehmen

Wenn Eltern seelische Belastung äußern, verspüren Fachkräfte häufig den Impuls, schnell eine Lösung präsentieren zu müssen. Doch in vielen Situationen benötigen Eltern zunächst Anerkennung ihrer Gefühle und das Gefühl, verstanden zu werden. Ein einfacher Satz wie „Ich sehe, wie schwer das gerade für Sie ist“ kann bereits entlasten.

Kernelemente mitfühlender Reaktionen:

  1. Wahrnehmen: Belastung ansprechen, auch wenn sie nicht klar ausgesprochen wird.
  2. Validieren: Eltern spüren lassen, dass ihre Emotionen nachvollziehbar und legitim sind.
  3. Unterstützend handeln: Je nach Situation beruhigen, informieren oder an spezialisierte Angebote weitervermitteln.

Einfühlsame Versorgung bedeutet nicht, die gesamte emotionale Last der Eltern tragen zu müssen. Es geht darum, präsent und empathisch zu sein und Orientierung zu geben. Dies fördert das Wohlbefinden der Eltern und schützt gleichzeitig die psychische Belastbarkeit der Fachkräfte.⁶ ⁷

Jede Begegnung zählt
Kurze, alltägliche Kontakte werden oft unterschätzt. Ein wertschätzender Satz, ein Moment des Zuhörens oder eine bestätigende Reaktion kann Eltern nachhaltig stärken. Einfühlsame Versorgung bedeutet nicht mehr Zeitaufwand – häufig genügt eine Fokussierung auf Beziehung statt ausschließlich auf Aufgaben.
Durch die Integration von aktivem Zuhören, achtsamer Sprache und mitfühlenden Reaktionen in die Routinearbeit können Fachkräfte:
  • Vertrauen und Kooperation der Eltern verbessern,
  • emotionale Belastungen frühzeitig erkennen und enttabuisieren,
  • verhindern, dass akute Belastungen sich zu langfristigen psychischen Problemen entwickeln.
Mit einfühlsamer Kommunikation leisten Sie weit mehr als medizinische Versorgung: Sie fördern Stabilität, Bindung und Zuversicht.
 
Zentrale Punkte für die Praxis
  • Aktives Zuhören schafft Raum für Offenheit und stärkt Vertrauen.
  • Sprache wirkt: Wählen Sie Worte, die stärken statt beschämen.
  • Mitfühlende Reaktionen validieren Emotionen und geben unterstützende Orientierung.
  • Jede Interaktion zählt: Selbst kurze Momente können nachhaltig wirken.
* Vaginal birth after caesarean (bezeichnet eine sekundäre Sectio nach initial angestrebter vaginaler Geburt bei Patientinnen mit vorangegangenem Kaiserschnitt.)
Veröffentlicht im Januar 2026. Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit einer Expertin erstellt, die von MAM eine Vergütung erhielt. 

Dr. Jenna Brough

Perinatale Klinische Psychologin (UK)

Dr. Jenna Brough ist Klinische Psychologin mit Spezialisierung auf Schwangerschaft, perinatale Traumata und geburtshilfliche Versorgung. Sie ist Gründerin von Dr Jenna Psychologist und arbeitet mit Fachkräften und Einrichtungen der perinatalen Versorgung zusammen, um spezialisierte therapeutische Unterstützung und Trainings anzubieten – basierend auf umfangreicher Erfahrung als NHS Clinical Lead und Senior Lecturer.

Literatur

1. McCauley K, Actis Danna V, Rouleau G, et al. Listening to women: experiences of maternity care in Canada. BMC Pregnancy Childbirth. 2018;18(1):336. 

2. Redshaw M, Henderson J. Mothers’ experience of maternity care in England: initial findings from a national survey. Oxford: NPEU. 2015. 

3. Reed R, Sharman R, Inglis C. Women’s descriptions of childbirth trauma relating to care provider actions and interactions. BMC Pregnancy Childbirth. 2017;17:21. 

4. Bohren MA, Vogel JP, Hunter EC, et al. The mistreatment of women during childbirth in health facilities globally: a mixed-methods systematic review. PLoS Med. 2015;12(6):e1001847. 

5. Thomson G, Downe S. Widening the trauma discourse: the link between childbirth and experiences of abuse. J Psychosom Obstet Gynaecol. 2008;29(4):268–273. 

6. Sinclair S, Norris JM, McConnell SJ, et al. Compassion: a scoping review of the healthcare literature. BMC Palliat Care. 2016;15:6. 

7. Devlin AM, O’Boyle C, Walker S. An exploration of compassion in maternity care. Midwifery. 2020;88:102760.