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Scientific Article

Babyweinen als Sprache und Versuch der Selbstregulation verstehen

Lisa Engelke, BA MA MA


In diesem Beitrag liegt der Fokus auf dem Weinen von Babys, welches mitunter auch intensiv sein kann und als Versuch der kindlichen Regulation verstanden wird. Zudem wird das Weinen von Babys im Kontext von Regulationskrisen umrissen, bei welchen die Eltern-Kind-Interaktion von besonderer Bedeutung ist. Abschließend wird auf frühe Interventionen der Elternberatung und Baby- und Eltern-Psychotherapie verwiesen, um zu zeigen, dass Interventionen sowohl den Babys als auch ihren Bezugspersonen dabei helfen können, krisenhafte Momente zu verstehen und zu lindern.

Fähigkeit zur Selbstregulation

In den ersten drei Lebensmonaten eines Babys lässt sich eine erhöhte Unruheneigung auf altersspezifische Anpassungs- und Reifeprozesse zurückführen. Das Baby steht vor der Herausforderung, grundlegende körperliche Prozesse, wie jene der Nahrungsaufnahme und der Verdauung, der Regulation seiner Körpertemperatur und der Regulation und Organisation seiner Verhaltenszustände kennenzulernen und sich an diese zu gewöhnen beziehungsweise anzupassen.1 Daher ist es sehr nachvollziehbar, dass die ersten zwölf Lebenswochen eines Babys von vermehrtem Quengeln, Weinen und vielleicht sogar Schreien begleitet sein können. Das Baby braucht Zeit, um im Leben außerhalb des Mutterleibes ankommen zu können. Neben der Tatsache, dass das Weinen Teil einer umfassenden Weltsprache des Babys ist und ihm/ihr ermöglicht, Körperzustände, Bedürfnisse und Emotionen der Umwelt mitzuteilen und mit dieser zu interagieren, hilft es auch dabei, Stress abzubauen2. Babyweinen hat zudem einen starken Aufforderungscharakter. Das Baby versucht sich mitzuteilen und zu zeigen, dass es das Gegenüber braucht, um ein dringliches Bedürfnis zu befriedigen.

Intensives Babyweinen

In der Literatur ist nachzulesen, dass jedes fünfte Baby in den ersten zwölf Lebenswochen über das „normale“ Ausmaß hinaus quengelt und schreit 1,3. Auch, wenn Wessel 4 zufolge Babys, die mehr als drei Stunden am Tag, an mindestens drei Tagen in der Woche über drei Wochen hinweg weinen, als sogenannte „Schreibabys“ bezeichnet werden, ist jedes Baby und somit auch jedes Babyweinen sehr individuell zu sehen. Während Schreiphasen in den ersten zwölf Wochen eines Babys früher oftmals im Zusammenhang mit den sogenannten „Dreimonatskoliken“ gebracht wurden, wird nun davon ausgegangen, dass Babys weit mehr als Bauchschmerzen haben und das Weinen auch als Teil von psychischen Verarbeitungs- und Entwicklungsprozessen zu verstehen ist. Man spricht von normalen Regulationskrisen.

Normal auftretende Regulationskrisen und frühe Regulationsstörungen

Das Baby steht vor spezifischen Entwicklungsaufgaben, die auch zu vorübergehenden krisenhaften Zuspitzungen und damit einhergehenden vermehrten Schrei-, Schlaf- oder Fütterungsproblemen oder auch Trotzanfällen, führen können. Unter bestimmten und ungünstigen Umständen und Einflussfaktoren können aus alterstypischen Regulationskrisen in weiterer Folge frühkindliche Regulationsstörungen entstehen, welche als extreme Varianten in der kindlichen Bewältigung von alterstypischen Krisen gelten. Sie exazerbieren und persistieren im Zusammenhang mit bestehenden Belastungsfaktoren, weshalb es möglich ist, dass eine gemeinsame Bewältigung der anstehenden Anpassungs- und Entwicklungsaufgaben nicht gelingen und es zu Beeinträchtigungen der kindlichen Selbstregulation und der Eltern-Kind-Beziehung kommen kann.1,5

Symptomtrias der frühkindlichen Regulationsstörungen nach Papoušek et al. (2004) 6

Das bedeutet, dass frühkindliche Regulationsstörungen nicht nur eine Störung des Babys, sondern eine Symptomtrias von kindlicher Verhaltensauffälligkeit, starker aktueller oder chronischer Überforderung der Eltern und belastender Faktoren in der Eltern-Kind-Beziehung und Interaktion (in den betroffenen Regulationsbereichen) darstellt. Das kann die Beziehung zwischen dem Kind und seinen Eltern und somit die weitere Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen oder sogar bedrohen. Dysregulierte kindliche Verhaltenszustände, Schwierigkeiten bei Affekt- und Selbstregulation und ein erhöhtes Misshandlungsrisiko können bei Babys, die exzessiv schreien, und Eltern, die sich überfordert, verzweifelt und vor allem hilflos fühlen, im schlimmsten Fall die Folge sein.

Klinische Studien weisen darauf hin, dass exzessiv schreiende Babys, die sich nur schwer beruhigen lassen, sich in vielen Fällen prä- und postnatal durch psychosoziale Risikofaktoren hochgradig belastet zeigen.1 Langanhaltender Stress und heftige Ängste in der Schwangerschaft, unbewältigte Paarkonflikte beziehungsweise Konflikte innerhalb der Familie, Ereignisse wie schlimme Krankheiten, Todesfälle, unerwartete Ergebnisse bei der Pränataldiagnostik, vorangegangene Fehlgeburten, sowie Stresserfahrungen und Komplikationen während und nach der Geburt (Trennungen von Eltern und Kind), prä- und postnatale Depressionen bei Müttern und Vätern werden im Zusammenhang mit einem vermehrten Schreien von Babys verstanden.

Therapeutische Interventionen

Thomas Harms, ein sehr erfahrener deutscher Babytherapeut beschäftigt sich intensiv mit exzessiv schreienden Babys. Er schreibt, dass Babys durch intensives Weinen, dem sogenannten Erinnerungsweinen, überwältigende Erfahrungen während der Schwangerschaft, der Geburt und/oder der ersten Zeit danach, mitteilen.7,2 Mithilfe babytherapeutischer Interventionen wird dem Baby ermöglicht, seine Geschichte zu „erzählen“. Das Baby wird durch den Einsatz von spezifischen körper- und traumapsychotherapeutischen Interventionen unterstützt, seine traumatischen Ereignisse emotional zu verarbeiten, sodass es durch erinnernde Reize nicht immer wieder in Schreizyklen gefangen bleibt. Eine weitere Möglichkeit, warum sich Babys nicht beruhigen lassen, beschreibt Harms2 im Kontext eines Resonanzweinens. Das unstillbare Schreien von Babys spiegelt die emotionalen und körperlichen Unlust- und Spannungszustände seiner Bezugspersonen wider. Auch hier können psychotherapeutische Interventionen Eltern insofern helfen, sich ihrer belastenden Gefühle bewusst zu werden und die eigenen Gefühle und Erfahrungen im besten Fall integrieren zu können, wodurch die Babys in weiterer Folge entlastet werden. Unangenehme Gefühle, wie Scham und Kränkung, sowie die individuellen Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen verhindern oft, dass Eltern Unterstützung in Anspruch nehmen. Expert*innen können einen wichtigen Beitrag leisten, betroffene Babys und deren Eltern dabei zu unterstützen in Krisensituationen Hilfe zu bekommen und Beratungs- oder Therapieangebote in Anspruch zu nehmen.

Fazit

Elternberatung und Psychotherapie kann also sehr entlastend sein und Eltern, die ihren Babys ständig co-regulatorische Unterstützung anbieten, auch einen Raum für ihre eigenen Gefühle ermöglichen. Schließlich durchlaufen auch Eltern Veränderungs- und Adaptionsprozesse in der Elternrolle und als Paar, die herausfordernd sind und auch Zeit benötigen. Darüber hinaus können, wie schon erwähnt, im Beratungskontext Eltern Möglichkeiten erarbeiten, die sowohl ihrem Baby als auch ihnen Beruhigung und Entlastung bieten.

Publiziert 07/2024

Lisa Engelke, BA MA MA

Psychotherapeutin

Lisa Engelke, BA MA MA geb. 1991 in Rum bei Innsbruck (Tirol/ Österreich) hat Bildungswissenschaft an der Universität in Wien studiert. Postgradual hat sie das Psychotherapeutische Fachspezifikum an der Universität Wien (Richtung: Individualpsychologie) absolviert. Zu den beruflichen Schwerpunkten zählt die Säuglings-, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie mit begleitender Elternarbeit und im Spezifischen die Arbeit mit Kindern- und Jugendlichen, die aus Pflege- und Adoptivfamilien stammen. Eine Spezialisierung besteht im Bereich der tiertherapeutischen Interventionen. Im wissenschaftlichen Bereich liegt der Schwerpunkt auf Entwicklungspsychologie, Psychoanalyse, Erziehungsberatung und Ausbildungsforschung.

Quellenverzeichnis


 1 Cierpka, M. (2012): Frühe Kindheit 0-3. Beratung und Psychotherapie für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. Springer-Verlag: Heidelberg.

 2 Harms, T. (2021): Keine Angst vor Babytränen. Wie Sie durch Achtsamkeit das Weinen Ihres Babys sicher begleiten. Psychosozial-Verlag: Gießen. 3. Auflage.

 3 Sonn-Rankl, C. (2021): So beruhige ich mein Baby. Patmos-Verlag: Ostfildern.14. Auflage.

 4 Wessel et al (1954): Paroxysmal fussing in infancy, sometimes called "colic". In: Pediatrics, 14, 421-435. 

 5 Papoušek, M. (1985): Beobachtungen zur Auslösung von Schreiepisoden im frühen Säuglingsalter. In: Sonderdruck aus Sozialpädiatrie in Praxis und Klinik, 6:9, 517-526.

 6 Papoušek, M. (2004): Regulatory disorders in early childhood. Family physician counseling for crying, sleeping and feeding disorders? In: MMW Fortschritte der Medizin, 147, 12:4, 32-38.

 7 Harms, T. (2016): Emotionale Erste Hilfe. Bindungsförderung – Krisenintervention – Eltern-Baby-Therapie. Psychosozial-Verlag: Gießen. 2. Auflage..