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Scientific interview

Erste Hilfe bei Kindern: richtig handeln in Notfällen

Interview mit dem Kinderarzt Dr. Michael Dördelmann


Einen kurzen Moment nicht aufgepasst und schon kann es passiert sein: das Kind hat sich mit einer heißen Flüssigkeit verbrüht, eine giftige Beere gegessen oder droht an einem kleinen Spielzeugteil zu ersticken. 

 Wie Eltern in solchen Situationen richtig reagieren, weiß Dr. Michael Dördelmann, Chefarzt der DIAKO-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Flensburg und Betreiber von Pädicus, einem Beratungsportal für Gesundheitsvorsorge im Kindesalter. Im Interview mit MAM erklärt er, wie sich Gefahrensituationen vermeiden lassen und welche Maßnahmen Eltern kennen sollten, wenn doch etwas passiert. Außerdem räumt er mit Mythen auf, die um das Thema Erste Hilfe bei Kindern kursieren. 

 Disclaimer: Dieses Interview bezieht sich auf Deutsche Erste Hilfe Empfehlungen, welche sich ggf. von lokalen Abweichungen unterscheiden können.

MAM: Herr Dr. Dördelmann, Sie bieten Kurse zur Ersten Hilfe bei Kindern an. Warum ist Ihnen dieses Thema wichtig? 

 Michael Dördelmann: Viele Eltern sind unsicher, wie sie handeln sollen, wenn ihr Kind in eine Notsituation gerät. Ich möchte Müttern und Vätern zeigen, wie sie gelassen und ohne Angst reagieren können. Bei Notfällen kommt es darauf an, Ruhe zu bewahren. Das überträgt sich auch auf das Kind. Wer weiß, was zu tun ist, verfällt nicht so schnell in Panik. Doch rund um die Erste Hilfe bei Kindern haben sich auch einige Mythen verbreitet. Da möchte ich zur Aufklärung beitragen. 

 Was sind das für Erste-Hilfe-Mythen?

 Zu fast jeder Notsituation gibt es auch irrtümliche Informationen darüber, was zu tun ist. Beginnen wir beispielsweise mit dem Verhalten bei Pseudokrupp. Das sind virusbedingte Hustenanfälle mit Atemnot, die vor allem nachts auftreten. Die betroffenen Kinder scheinen regelrecht zu ersticken, was natürlich große Angst auslösen kann. Oft hört man, dass das Kind in dieser Situation kalte, feuchte Luft benötige. Doch zumindest für feuchte Luft oder Wasserdampf hat sich das als nicht effektiv herausgestellt. Und auch für kalte Luft gibt es bisher nur einige wenige Daten aus einer ganz neuen Studie.1   Demnach kann kalte Luft zumindest bei leichten bis mittelschweren Anfällen etwas Besserung bringen. 

 Was sollte man bei Pseudokrupp tun?

 Bei einem Pseudokruppanfall sollten die Eltern das Kind vor allem ablenken und beruhigen. Der Satz „Alles wird gut!“ kann schon so viel bewirken. Die Atemnot erscheint nämlich größer als sie wirklich ist – das Hauptproblem ist die Angst und die damit verbundene Anspannung beziehungsweise Verengung der oberen Atemwege. Man kann außerdem kortisonhaltige Medikamente geben, die die Schleimhäute abschwellen lassen. Hat das Kind trotz dieser Maßnahmen weiterhin Atemschwierigkeiten oder zeigen sich Anzeichen eines Sauerstoffmangels, muss man den Notruf wählen. 

Ein Kind kann auch beim Essen plötzlich nach Luft ringen oder wenn es ein kleines Spielzeugteil verschluckt hat. Sollte man immer versuchen, den Fremdkörper aktiv zu entfernen? 

 Nein, hier muss zwischen einer vollständigen und einer unvollständigen Verlegung der Atemwege unterschieden werden. Ist die Atmung nicht vollständig blockiert, hustet das Kind also noch stark und effektiv und ist es noch bei Stimme, sollten die Eltern so handeln: das Kind aufrecht hinsetzen, es weiter zum Husten ermutigen und den Hustenreflex arbeiten lassen. Der natürliche Hustenreflex ist die mit Abstand effektivste Maßnahme, einen Fremdkörper aus den Atemwegen zu entfernen. Und dieser hocheffektive Schutzreflex sollte nicht durch unnötige oder sogar kontraproduktive Maßnahmen gestört werden. Daher ist es bei einer unvollständigen Verlegung der Atemwege überhaupt nicht förderlich, dem Kind auf den Rücken zu klopfen oder gar zu versuchen, den Fremdkörper mit den Fingern herauszuholen. 

 Warum könnte das Entfernen in dieser Situation kontraproduktiv sein? 

Der Gegenstand könnte von einer eher harmlosen Stelle verrutschen und die Luftröhre komplett blockieren. Eine vollständige Verlegung der Atemwege wäre die Folge und ist gelinde gesagt eine Katastrophe mit einer hohen Versterberate. Nur in dieser Situation ist es richtig, dem Kind zwischen die Schulterblätter zu klopfen und Kompressionen auf seinen Brustkorb auszuüben. Hier gilt es dann tatsächlich, sofort Maßnahmen zu ergreifen, um den Fremdkörper zu bewegen. 

Zu den häufigen Notfällen bei Kindern zählen auch Vergiftungen. Welche Mythen kursieren diesbezüglich bei der Ersten Hilfe? 

Wenn Kinder giftige Substanzen schlucken, etwa Putzmittel, Medikamente, giftige Beeren oder Knopfbatterien, meinen viele, man müsse Erbrechen auslösen. Das ist falsch und kann noch größeren Schaden anrichten. Bei ätzenden Substanzen würde die Speiseröhre so ein zweites Malangegriffen werden; Tabletten oder Batterien könnten zusätzlich aspiriert werden. 

Auch die Gabe von Milch gehört zu den Erste-Hilfe-Irrtümern bei Vergiftungen, denn dies kann die Aufnahme mancher Substanzen im Körper sogar beschleunigen. Stattdessen sollten Eltern ihrem Kind Wasser, Tee oder eine andere klare Flüssigkeit zu trinken geben, um die Speiseröhre zu spülen und die giftige Substanz im Magen zu verdünnen. Anschließend sollte je nach Substanz bzw. Wissen um dessen Schadenspotential ein Notruf abgesetzt oder mindestens eine Vergiftungshotline2  kontaktiert werden. 

Wenn wir Erwachsene uns verbrennen oder verbrühen, rennen wir zum Wasserhahn, um die betroffene Hautstelle zu kühlen. Ist das auch bei Kindern die richtige Maßnahme? 

Ja, aber nicht ausnahmslos. Bei Verbrühungen oder Verbrennungen muss man sehr schnell reagieren und sofort mit dem Kühlen unter fließendem, allerdings eher lauwarmem Wasser beginnen. Der positive Effekt, nämlich der Schutz des Körpergewebes vor Hitzeschäden, kommt nur in den ersten Sekunden zum Tragen. Danach lindert das Wasser vor allem die Schmerzen. Besonders Säuglinge und Kleinkinder können dabei jedoch schnell unterkühlen. Bei Kindern unter einem Jahr sollte deshalb ganz auf das Kühlen verzichtet werden. Gleiches gilt für größere Verbrennungen, die mehr als zwei Prozent der Körperoberfläche ausmachen. 

Aber wie können Eltern abschätzen, wie hoch der Anteil der betroffenen Haut ist? 

Dazu gibt es eine Faustformel: Ein Prozent der Körperoberfläche eines Kindes entspricht in etwa der Fläche seiner Handinnenseite und Finger. Ist die Verbrennung deutlich größer, sollte man besser nicht kühlen. 

Idealerweise kommt es erst gar nicht zu Notfällen. Welche Tipps haben Sie, um Gefahrensituationen zu verhindern? 

 Eine große Gefahr ist zum Beispiel das Ertrinken. Was viele nicht wissen: Kinder können bereits in 10 bis 20 Zentimeter tiefem Wasser oder gar in Pfützen ertrinken. Das Fatale ist, dass das im Allgemeinen sehr leise passiert. Beim Eintauchen ins Wasser kann es bei Kindern nämlich zu einem Stimmritzenkrampf kommen, der Schreien und Atmen unmöglich macht. Im tiefen Wasser gehen Kinder einfach unter wie ein Stein. Eltern sollten ihr Kind also in der Nähe von Pools, Gartenteichen, Regentonnen oder Gewässern niemals unbeaufsichtigt lassen. Es ist auch ein Irrglaube, dass Kinder sicher seien, wenn sie beim Planschen Schwimmhilfen tragen, denn diese können sich lösen oder auch mal versagen. 

Es gab Berichte, wonach Kinder Stunden oder Tage, nachdem sie vor dem Ertrinken gerettet worden waren, starben. Das hat viele Eltern zusätzich verunsichert. Kann es später zu Folgen kommen, wenn ein Kind beim Baden Wasser verschluckt? 

Es ist ein großer Unterschied, ob das Kind sich beim Planschen verschluckt oder beinahe ertrinkt. Wird im letzteren Fall eine größere Menge Wasser etwa mit anderen Fremdstoffen eingeatmet, kann es in der Folge zu Lungenfunktionsstörungen kommen. Diese bleiben jedoch nicht symptomlos. Bei den beschriebenen Fällen standen die Todesursachen auch nicht in Zusammenhang mit dem Beinahe-Ertrinken. Ich kann Eltern hier beruhigen: Verschluckt ein Kind beim Baden eine geringe Menge Wasser, stellt dies in der Regel keine Gefahr dar. Der Hustenreiz schützt die Lunge. 

Ein besonders bedrohliches Szenario ist der plötzliche Kindstod: wenn ein Säugling unerwartet und ohne erkennbare Ursache im Schlaf stirbt. Was können Eltern tun, um dieses Risiko zu verringern? 

Eine sichere Schlafumgebung ist hier entscheidend. Dabei ist alles, was den Säugling überhitzen oder in seiner Atmung behindern könnte, zu vermeiden. Das Baby soll möglichst in seinem eigenen Bett im Schlafzimmer der Eltern schlafen, und zwar auf einer festen Matratze, ohne Kissen, Decken oder Kuscheltiere. Bis zum Alter von einem Jahr wird empfohlen, die Kinder zum Schlafen auf den Rücken zu legen. Manche Babys schaffen es aber schon vorher - etwa ab dem fünften bis siebten Monat - sich selbst im Schlafsack vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Viele Eltern sind dann verunsichert. Wenn das Kind sich aber eigenständig in die Bauchlage drehen kann, darf es in dieser Schlafposition bleiben. Auch wenn es das noch nicht kann, sind Bauch- oder Seitenlage möglich – aber immer unter der Voraussetzung, dass die Eltern ihr Kind beim Schlafen im Auge behalten. 

Was wird hinsichtlich Stillen und plötzlichem Kindstod empfohlen? 

Säuglinge sollten ein Jahr oder länger gestillt werden, mindestens jedoch in den ersten vier bis sechs Monaten. Das hat sich als protektiv herausgestellt. Wenn sich das Stillen eingespielt hat, können Eltern ihrem Kind zum Schlafen einen Schnuller anbieten. Der Schnullergebrauch ist Studien zufolge mit einem geringeren Risiko für den plötzlichen Kindstod verbunden. , Interessant ist, dass der schützende Effekt auch dann bestehen bleibt, wenn das Baby den Schnuller im Schlaf verliert. Es ist also nicht nötig, ihn nachts immer wieder in den Mund zu geben. 

 Viele Eltern wünschen sich größtmögliche Sicherheit. Sind Heimmonitore zum Überwachen der Vitalfunktionen sinnvoll? 

Der Einsatz von Heimmonitoren oder Matten, die die Atembewegungen oder den Puls des Babys überwachen, wird nicht empfohlen. Weder Atempausen noch eine niedrige Pulsfrequenz können das Risiko für den plötzlichen Kindstod verlässlich vorhersagen. Man müsste stattdessen die Sauerstoffsättigung im Blut messen. Dafür braucht es aber einen medizinischen Monitor. Liegt ein besonders hohes Risiko vor, können Eltern ein solches Gerät zu Hause nutzen. Die zusätzlich gewonnen Sicherheit bringt aber auch Nachteile mit sich: Falsche Alarmmeldungen stören den Schlaf und Ängste können die Eltern-Kind-Beziehung belasten. Deshalb sollte man gut abwägen und die Überwachsungsphase so kurz wie möglich halten. 

 Was können Sie besorgten Eltern generell mit auf den Weg geben? 

Eine absolute Sicherheit kann es bei Kindern nie geben. Umso wichtiger ist es, dass Eltern mögliche Gefahren im Leben ihrer Kinder erkennen und wissen, wie sie bei Notfällen richtig reagieren. Am besten ist es, sich dieses Wissen praxisnah in einem Erste-Hilfe-Kurs anzueignen. Die meisten Eltern werden dann feststellen, dass Erste Hilfe am Kind meist gar nicht so kompliziert ist, wie zuvor gedacht.

Richtig handeln bei kindlichen Notfällen

Erste Hilfe bei Atemnot durch Pseudokrupp

  • Kind aufrecht hinsetzen und beruhigen 
  • Kortisonhaltige Medikamente geben (Saft oder Zäpfchen) 
  • Bei Anzeichen eines Sauerstoffmangels: Rettungsdienst rufen
Erste Hilfe bei Verschlucken oder Ersticken durch Fremdkörper:
Bei unvollständiger Blockade der Atemwege:
  • Kind aufrecht hinsetzen
  • Kind ermutigen zu husten

 Bei vollständiger Blockade der Atemwege:
  • Sofort versuchen, den Fremdkörper zu bewegen 
  • Dem Kind zwischen die Schulterblätter klopfen und Brustkorbkompression im Wechsel durchführen (künstlicher Hustenstoß) 
  • Rettungsdienst rufen
Erste Hilfe bei Vergiftungen:
  • Kein Erbrechen auslösen
  • Wasser, Tee oder klare Flüssigkeit zu trinken geben
  • Je nach Substanz bzw. Wissen um dessen Schadenspotential Notruf absetzen oder Vergiftungshotline kontaktieren
Erste Hilfe bei Verbrühungen und Verbrennungen:
  • Kleidung entfernen
  • Sofort unter fließendem Wasser kühlen (nur bei kleineren Verbrennungen, nicht bei Kindern unter 1 Jahr)
  • 5 bis 10 Minuten mit lauwarmem Wasser (15 bis 20 Grad Celsius)
  • Kind dabei warmhalten
  • Bei Verbrühung und Verbrennungen > 2% Körperoberfläche (Verbrennung > 2 x Hand-Fingerfläche des Kindes) oder Verletzungen im Gesicht, Beugen, Stamm- Genitalbereich: Rettungsdienst rufen

Gefahrensituationen reduzieren

Ertrinken:

  • Dem Kind so früh wie möglich Schwimmen beibringen 
  • Kinder, die nicht schwimmen können, niemals unbeaufsichtigt am Wasser lassen 
  • Auch Pfützen und seichtes Wasser sind für kleine Kinder eine Gefahr 
  • Sich nicht auf Schwimmhilfen verlassen

Plötzlicher Kindstod:

  • Säugling in Rückenlage schlafen legen 
  • Baby im eigenen Bett im Schlafzimmer der Eltern schlafen lassen 
  • Einen Schnuller zum Einschlafen geben, wenn das Baby an den Schnuller gewöhnt ist 
  • Überhitzung vermeiden (kühler Raum, nicht zu warm kleiden) 
  • Auf freie Atmung achten (keine Kissen, Decken, Nestchen oder Kuscheltiere) 
  • Für eine rauchfreie Umgebung sorgen 
  • Wenn möglich, 1 Jahr oder länger stillen (mindestens 4 bis 6 Monate)

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Tab. 1. Wichtige Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Kindern sowie Tipps zum Reduzieren von Gefahrensituationen (Auswahl)

Kurse und Lesetipps zum Thema Erste Hilfe bei Kindern

PD Dr. med. Michael Dördelmann

Kinderarzt

PD Dr. med. Michael Dördelmann ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Perinatalzentrum am Diakonissenkrankenhaus Flensburg und Facharzt für Neonatologie, Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Darüber hinaus ist er als Lehrbeauftragter an der Europa-Universität Flensburg tätig. Gemeinsam mit seiner Frau Dr. rer. hum. biol. Jana Dördelmann betreibt er Pädicus – ein Beratungsportal für Erkrankungen und Gesundheitsvorsorge im Kindesalter.

1 Siebert, J. N., Salomon, C., Taddeo, I., Gervaix, A., Combescure, C., Lacroix, L. (2023). Outdoor cold air versus room temperature exposure for croup symptoms: a randomized controlled trial. Pediatrics, 152(3), e2023061365.

2 Hotline der Giftnotzentrale für Deutschland, AT und CH: BVL - Liste der Giftnotrufzentralen (bund.de)

3 Hauck, F. R., Omojokun, O. O., & Siadaty, M. S. (2005). Do pacifiers reduce the risk of sudden infant death syndrome? A meta-analysis. Pediatrics, 116(5), e716–e723. 

 4 Vennemann, M.M.T., Findeisen, M., Butterfaß-Bahloul, T., Jorch, G., Brinkmann, B., Köpcke, W., Bajanowski, T. and Mitchell, E.A. (2005). Modifiable risk factors for SIDS in Germany: Results of GeSID. Acta Pædiatrica, 94: 655-660.