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Scientific Article

Pflege bei Neurodermitis und empfindlicher Babyhaut

Praxisrelevante Tipps & Tricks einer Dermatologin & Neurodermitis-Trainerin

 Dr. Doris Weiss


Die Haut ist das größte Organ des menschlichen Körpers, sie umgibt uns wie eine Schutzhülle und hat im Allgemeinen einen wesentlichen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Sie reguliert die Körpertemperatur und den Wasserhaushalt und als Schnittstelle zwischen dem Körperinneren und der Umwelt bietet sie uns Schutz vor Bakterien, Viren und potenziellen Allergenen.

Auf ihrer Oberfläche finden sich unzählige Mikroorganismen (ca. 106 Bakterien pro cm2), das sogenannte Hautmikrobiom, nichts anderes als ein ausgeklügeltes Ökosystem, dasdie Haut in ihrer natürlichen Barrierefunktion unterstützt.¹ ²

Durch die Forschung der letzten Jahre konnte unser Verständnis über das Hautmikrobiom immens erweitert und die Hautpflegeroutine entsprechend verbessert werden.3,4 Aber speziell, wenn es um die Hautpflege unserer jüngsten Patient*innen geht, gibt es noch zahlreiche Mythen und Irrglauben.

Die bekannteste Erkrankung, bei der ein Ungleichgewicht des Hautmikrobioms eine entscheidende Rolle in der Pathogenese spielt, ist die atopische Dermatitis, das atopische Ekzem oder umgangssprachlich Neurodermitis genannt. Es handelt sich um eine chronisch rezidivierende entzündliche Hauterkrankung mit multifaktorieller Genese. Eine anlagebedingte gestörte Hautbarrierefunktion sowie eine überschießende Reaktion des Immunsystems sind maßgeblich am Krankheitsgeschehen beteiligt. Kennzeichnend ist der stark ausgeprägte Juckreiz unter dem Betroffene sowie Eltern gleichermaßen leiden.5,6

Mythen & Fakten


Bis zu 20 % aller Kinder weltweit leiden an Neurodermitis. Aber weit mehr neigen zu einer empfindlichen trockenen Haut, welche lediglich vermehrter Pflege bedarf.

 Mythen wie „Wenn man sich eincremt, wird die Haut durch den Gewöhnungseffekt noch trockener“ oder „Mit Ekzemen sollte man möglichst selten baden“ sind heutzutage nicht mehr zeitgemäß. Aber wie pflegt man die empfindliche Kinderhaut richtig? Ist tägliches Baden erlaubt oder sollte Wasserkontakt weitgehend vermieden werden? Sind Naturkosmetika und Hausmittel empfehlenswert oder bei zu Allergien neigender Haut eher kontraindiziert? 

Wichtig: Ein Baby mit gesunder Haut muss nicht automatisch eingecremt werden, die feinlamelläre Abschuppung in den ersten Lebenswochen ist physiologisch. Die Studienlage zur Fragestellung, ob durch konsequentes prophylaktisches Eincremen der Babyhaut die Entstehung einer Neurodermitis bei Risikopatient*innen verhindert werden kann, ist nicht eindeutig.8,9

Die zarte Babyhaut ist bei der Geburt noch nicht vollständig ausgereift. Tatsächlich ist bekannt, dass natürliche Feuchthaltefaktoren der Haut (sog. Natural Moisturizing Factors) sich erst in den ersten Lebensjahren vollständig entwickeln. So sind sie beispielsweise im Bereich der Wangen erst im Alter von etwa 7 Jahren vollständig ausgereift.10 Deswegen sieht man bei Babys und Kleinkindern häufig die typischen „Wangenekzeme“ nicht nur bei Neurodermitis, sondern auch im Infekt oder beim Zahnen.

 Generell zeigt sich eine Ekzemneigung meist ab dem 3. Lebensmonat. Auf der Haut sieht man tastbare Erhabenheiten, die durch den Juckreiz aufgekratzt oder aufgerieben werden, das Hautbild ist generell eher trocken und rau. Im akuten Stadium können die Hautläsionen nässen und verkrusten. Manchmal zeigen sich auch dicke honiggelbe Krusten, was auf eine Superinfektion mit Staphylokokken (Staph. aureus) hindeutet und in jedem Fall einer antiseptischen oder antibiotischen Lokaltherapie bedarf.11,12 Hier ist jedenfalls sofort eine dermatologische Vorstellung sinnvoll, um das Ekzem stadiengerecht zu behandeln, die Neurodermitis „abzufangen“ und mögliche Fehlbehandlungen zu vermeiden.


Badetherapie & Basispflege


Gerade die tägliche Badetherapie mit klarem Wasser ist bei Ekzemen wichtig, um die Haut mit Feuchtigkeit zu versorgen, die Bakterien von der Haut zu spülen und Salbenreste zu entfernen. Die Wassertemperatur sollte eher kühl bei 32-34°C, jedenfalls nicht über 36°C liegen und die Badedauer kurzgehalten werden (Meine Empfehlung: 8 Minuten, nicht länger als 10 Minuten). Das Baden mit klarem Wasser ist einem Badezusatz aufgrund des allergenen Potenzials (Sensibilisierungsgefahr!) in jedem Fall vorzuziehen. Für stärker verschmutzte Körperareale wie in der Glutealregion, sowie Hände und Füße kann ein mildes pH-neutrales Syndet lokal verwendet werden, da dieses hautschonend reinigt und für Allergiker*innen geeignet ist.

Nach dem Baden empfiehlt es sich die Haut mit lauwarmem Wasser abzuspülen, vorsichtig trocken zu tupfen (nicht rubbeln oder reiben) und das Kind von Kopf bis Fuß innerhalb von 2 Minuten mit einem reinen Pflegeprodukt, der sogenannten Basispflege, einzucremen. Die pflegenden Inhaltsstoffe können nach dem Bad besonders gut aufgenommen werden, schließen die Feuchtigkeit in der Haut ein und versiegeln die Hautschutzbarriere. Ein hoher Feuchtigkeitsgehalt der Haut ermöglicht deutlich mehr verschiedenen Bakteriengattungen die Koexistenz. Eine erhöhte Diversität des Hautmikrobioms ist wiederrum förderlich für die Hautgesundheit.2,13

Basispflege richtig auswählen


Hinsichtlich der Auswahl des Basispflegeproduktes kann keine pauschale Empfehlung ausgesprochen werden, da mittlerweile eine Vielzahl sehr gut verträglicher Produkte zur Verfügung stehen. 

Der Begriff „Emollient PLUS“ bezeichnet neuartige Basispflegeprodukte, die zusätzlich nicht pharmakologisch aktive Wirksubstanzen enthalten. Es handelt sich hierbei beispielsweise um kosmetische Lotionen, welche Bakterienlysate beinhalten, die als „gute Bakterien“ wiederrum die übermäßige Besiedelung mit Staphylokokken verringern. Diese Produkte können eine gute Ergänzung zur Basispflege bei Neurodermitispatient*innen darstellen und die Anzahl sowie Frequenz der Schübe verringern.14,15 Auch Produkte mit dem Zusatz von Ceramiden (wichtige Bestandteile unserer Hautschutzbarriere) zeichnen sich durch hohe Patient*innenzufriedenheit und exzellente Verträglichkeit aus. 16 

Die Basispflege sollte immer jahreszeitenadaptiert ausgewählt werden. Das bedeutet im Winter eine reichhaltigere Grundlage und in den Sommermonaten eine leichte Textur, welche schnell einzieht, nicht fettet oder klebt. Da Kinder mit Neurodermitis und/oder empfindlicher Haut generell zu Allergien neigen, ist es von großer Bedeutung, dass die Pflege frei von Duftstoffen und potenziellen pflanzlichen Allergenen ist.17 Obwohl gerade pflanzliche Inhaltsstoffe als besonders natürlich und verträglich gepriesen werden, zählen sie mitunter zu den stärksten Allergenen18 und sollten deswegen bei Neurodermitis strikt vermieden werden. Prinzipiell gilt, je jünger das Kind, desto leichter die Pflege.11 

Das Eincremen sollte immer als angenehm empfunden werden, dies ist auch bei der Auswahl der Produkte zu berücksichtigen. Klebrige Produkte, die erst nach über 10 Minuten einziehen und mit unangenehmem Geruch behaftet sind, werden bei den meisten Patient*innen auf Ablehnung stoßen und sind nicht praxisrelevant.

Mythos Kokosöl


Immer wieder treffe ich im Praxisalltag auf Familien, die Ihre Kleinkinder mit purem Kokosöl eincremen. Auf Grund der Konsistenz kann Kokosöl lediglich eine okklusive Barriere auf der Hautoberfläche bilden und die tiefen liegenden Schichten nicht adäquat mit Feuchtigkeit versorgen. Fazit: Die Haut wird noch trockener. Nach einem klärenden Gespräch und Umstellung der Pflege, verbessert sich in der Regel auch sehr rasch das Hautbild des Kindes.

Soforthilfe bei Juckreiz


Ein guter Tipp aus der Praxis bei akuten Juckreizattacken ist es, eine Tube der Basispflege im Kühlschrank zu lagern. Durch das Auftragen einer gekühlten, stark wasserhaltigen Creme wird der Juckreiz sofort gelindert und das Ekzem kann abgefangen werden. Schwarzteeumschläge werden aufgrund der antinflammatorischen , austrocknenden Wirkung sehr gerne unterstützend bei akuten Ekzemen eingesetzt.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass die nicht-fachgerechte Behandlung einer Neurodermitis ebenso hautschädigend sein kann, wie der unsachgemäße und verantwortungslose Einsatz cortisonhaltiger Externa. 

Die Entzündung in der Haut hinterlässt Spuren: besteht das Krankheitsbild über einen längeren Zeitraum unkontrolliert, kommt es zu einer flächenhaften Verdickung und Vergröberung der Hautstruktur und einem habituellen Kratzen. 

Im Mittelpunkt der therapeutischen Maßnahmen bei Neurodermitis steht die Durchbrechung des Juckreiz-Kratz-Zyklus. Ein Therapieziel, das in erfahrenen Händen mit den heute verfügbaren Lokaltherapien und modernen Systemtherapeutika auch sehr gut erreicht werden kann.

Das Wichtigste für Betroffene ist es, versierte Ansprechpartner*innen für die Therapie und Begleitung der Erkrankung zu finden. Bei vermeintlich therapie-refraktären Ekzemen empfiehlt sich jedenfalls die Anbindung an Spezialist*innen um mittels einer genauen allergologische Abklärung mögliche Triggerfaktoren zu identifizieren.11


Dieser Fachartikel wurde von einer Expertin verfasst, welche ein Honorar von MAM erhalten hat.
Veröffentlicht im Juni 2025.


Dr. Doris Weiss

Neurodermitis Trainerin und Dermatologin

Dr. Weiss ist Fachärztin für Dermatologie und Venerologie mit eigener Kassenpraxis in Mödling, Österreich. Ihre fachärztliche Ausbildung absolvierte sie an der Universitätsklinik für Dermatologie am AKH Wien, die sie 2023 erfolgreich abschloss. Ihre Expertise sammelte sie u.a. im Rahmen mehrerer Auslandsaufenthalte, darunter in der Kinderdermatologie bei Prof. Höger in Hamburg, im Mount Sinai Medical Center NYC und der Universitätshautklinik Göttingen. Dr. Weiss ist (Mit-)Autorin zahlreicher Fachpublikationen und wurde mehrfach mit Auszeichnungen und Stipendien geehrt.

Referenzen:

1. Pistone D, Meroni G, Panelli S, et al. A Journey on the Skin Microbiome: Pitfalls and Opportunities. Int J Mol Sci. 2021;22(18).

2. Grice EA, Kong HH, Renaud G, et al. A diversity profile of the human skin microbiota. Genome Res. 2008;18(7):1043-1050.

3. Folster-Holst R. Die Rolle des Hautmikrobioms bei atopischer Dermatitis - Zusammenhange und Konsequenzen. Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft = Journal of the German Society of Dermatology : JDDG. 2022;20(5):571-578.

4. Luger T, Amagai M, Dreno B, et al. Atopic dermatitis: Role of the skin barrier, environment, microbiome, and therapeutic agents. Journal of dermatological science. 2021;102(3):142-157.

5. Leung DY, Guttman-Yassky E. Deciphering the complexities of atopic dermatitis: shifting paradigms in treatment approaches. The Journal of allergy and clinical immunology. 2014;134(4):769-779.

6. Guttman-Yassky E, Renert-Yuval Y, Brunner PM. Atopic dermatitis. Lancet. 2025;405(10478):583-596.

7. Kay J, Gawkrodger DJ, Mortimer MJ, Jaron AG. The prevalence of childhood atopic eczema in a general population. Journal of the American Academy of Dermatology. 1994;30(1):35-39.

8. Kelleher MM, Cro S, Cornelius V, et al. Skin care interventions in infants for preventing eczema and food allergy. Cochrane Database Syst Rev. 2021;2:CD013534.

9. Simpson EL, Chalmers JR, Hanifin JM, et al. Emollient enhancement of the skin barrier from birth offers effective atopic dermatitis prevention. The Journal of allergy and clinical immunology. 2014;134(4):818-823.

10. McAleer MA, Jakasa I, Raj N, et al. Early-life regional and temporal variation in filaggrin-derived natural moisturizing factor, filaggrin-processing enzyme activity, corneocyte phenotypes and plasmin activity: implications for atopic dermatitis. The British journal of dermatology. 2018;179(2):431-441.

11. Hoeger PH. Kinderdermatologie - Differentialdiagnostik und Therapie bei Kindern und Jugendlichen. 2021;4. Auflage.

12. Kong HH, Oh J, Deming C, et al. Temporal shifts in the skin microbiome associated with disease flares and treatment in children with atopic dermatitis. Genome Res. 2012;22(5):850-859.

13. Grice EA, Kong HH, Conlan S, et al. Topographical and temporal diversity of the human skin microbiome. Science. 2009;324(5931):1190-1192.

14. Seite S, Zelenkova H, Martin R. Clinical efficacy of emollients in atopic dermatitis patients - relationship with the skin microbiota modification. Clinical, cosmetic and investigational dermatology. 2017;10:25-33.

15. Patsatsi A, Vakirlis E, Kanelleas A, et al. Effect of a novel "emollient plus" formulation on mild-to-severe atopic dermatitis and other dry skin-related diseases as monotherapy or adjunctive therapy: an observational study on efficacy, tolerance and quality of life in adult patients. Eur J Dermatol. 2023;33(2):137-146.

16. Chng CC. The roles of ceramides and multivesicular emulsion (MVE) technology in atopic dermatitis: a narrative review. Med J Malaysia. 2024;79(1):85-94.

17. Johnson H, Aquino MR, Snyder A, et al. Prevalence of allergic contact dermatitis in children with and without atopic dermatitis: A multicenter retrospective case-control study. Journal of the American Academy of Dermatology. 2023;89(5):1007-1014.

18. Jack AR, Norris PL, Storrs FJ. Allergic contact dermatitis to plant extracts in cosmetics. Seminars in cutaneous medicine and surgery. 2013;32(3):140-146.