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Stillhütchen bei Frühgeborenen und reif geborenen Babys

Angela Willis


Stillhütchen sind Hilfsmittel – häufig aus Silikon –, die beim Stillen über die Brustwarze gelegt werden. Sie können in vielen Situationen unterstützen, zum Beispiel als Schutzbarriere bei Schmerzen, Unwohlsein oder bei wunden bzw. rissigen Brustwarzen. Gerade bei Frühgeborenen sind Stillhütchen oft besonders hilfreich: Sie können Mütter unterstützen, wenn das Stillen anfangs schwierig ist. Ein möglicher Vorteil ist, dass Stillhütchen dazu beitragen können, die Milchmenge zu steigern – was bei Frühgeborenen besonders wichtig sein kann, da sie im Vergleich zu reif geborenen Babys häufig einen höheren Nährstoffbedarf haben.¹

Frühgeborene Babys und die Rolle von Stillhütchen

Frühgeborene haben häufig Schwierigkeiten, die Brust richtig zu erfassen (Andocken/Anlegen). Das liegt daran, dass ihre Mund- und Saugmotorik noch nicht vollständig entwickelt ist und sie aufgrund der frühen Geburt oft körperlich weniger kräftig sind.

Eine Studie untersuchte 34 Frühgeborene, die ultradünne Silikon-Stillhütchen verwendeten.¹ Stillmahlzeiten wurden mit und ohne Stillhütchen verglichen. Das Ergebnis: Der durchschnittliche Milchtransfer lag bei 18,4 ml pro Mahlzeit mit Stillhütchen – im Vergleich zu nur 3,9 ml ohne Stillhütchen.

In derselben Studie wurde auch die Stilldauer betrachtet: Die Stilldauer war nicht kürzer, wenn Stillhütchen verwendet wurden. Die durchschnittliche Stilldauer betrug 169 Tage, während Stillhütchen im Schnitt 33 Tage genutzt wurden.¹

Auch in einer früheren Studie mit 15 Babys zeigte sich, dass Stillhütchen die Milchaufnahme erhöhen konnten.² Eine aktuellere Untersuchung fand außerdem, dass Stillhütchen bei Frühgeborenen den Übergang von der Flasche zur Brust erleichtern können.³

Stillhütchen können Frühgeborenen das Stillen erleichtern, indem sie eine deutlichere ausgeprägtere Oberfläche bieten, an der das Baby leichter andocken kann. Sie erreichen den weichen Gaumen einfacher und können den Saugreflex besser stimulieren – das kann den Milchtransfer unterstützen. Studien deuten darauf hin, dass Stillhütchen die Still-Erfolgsrate bei Frühgeborenen verbessern können und dadurch indirekt auch die Milchbildung der Mutter fördern.¹,²,³

Ein zentraler Faktor für die Milchbildung ist das Angebot-Nachfrage-Prinzip, das stark vom Saug- und Trinkverhalten des Babys beeinflusst wird. Stillen regt die Ausschüttung wichtiger Hormone wie Prolaktin und Oxytocin an, die für Milchbildung und Milchfluss entscheidend sind. Wenn Frühgeborene effektiv saugen und gut an der Brust trinken, erhält der Körper der Mutter das Signal, mehr Milch zu produzieren.²,³

Forschungsergebnisse zeigen außerdem, dass ein früher Start mit Haut-zu-Haut-Kontakt (auch Känguru-Methode genannt) in Kombination mit Stillhütchen die Still-Ergebnisse bei Frühgeborenen verbessern kann. Mütter, die Stillhütchen nutzten, berichteten häufiger über mehr Sicherheit und Vertrauen beim Stillen – was wiederum ebenfalls positiv auf die Milchbildung wirken kann.³,⁴ Auch das psychologische Wohlbefinden – wie Vertrauen, Entspannung und Komfort – spielt bei Milchmenge und Milchbildung eine wichtige Rolle.

Stillhütchen als Schutzbarriere: Heilung und Einfluss auf den Milchtransfer

Schmerzen und Verletzungen an den Brustwarzen sind häufige Stillprobleme. Bis zu 58 % der stillenden Personen berichten in den ersten 6–8 Wochen nach der Geburt von Schmerzen und Unwohlsein – am häufigsten in der ersten Woche nach der Geburt.⁵,⁶ Brustwarzenverletzungen können jedoch auch zu späteren Zeitpunkten während der Stillzeit auftreten.⁶

Auch eine Zungenbandverkürzung (Tongue Tie) ist eine häufige Ursache für schmerzende oder wunde Brustwarzenschmerzen und Verletzungen. Schmerzen, Trauma und Unwohlsein zählen zu den häufigsten Gründen, warum Stillende früher als geplant abstillen.⁶,⁷

Stillhütchen können hier vorübergehend Entlastung bringen – idealerweise gemeinsam mit persönlicher Stillberatung, um das Anlegen und Andocken zu beobachten und zu optimieren oder bis eine Behandlung (z. B. bei Tongue Tie) erfolgt.⁷,⁸

Die Verwendung von Stillhütchen kann Eltern helfen, weiter zu stillen und gleichzeitig verschiedene Heilmethoden zu nutzen – etwa die feuchte Wundheilung.⁹ Stillhütchen bieten eine Schutzbarriere und können Stillenden körperliche Erleichterung verschaffen, wenn Stillen aufgrund von wunden oder verletzten Brustwarzen schmerzhaft ist. Viele Hebammen, Stillberater*innen und medizinische Fachpersonen empfehlen Stillhütchen deshalb als kurzfristige Unterstützung.⁹,¹⁰

Alternativ könnten Mütter abpumpen oder das Stillen an der betroffenen Brust vermeiden, bis die Brustwarze abgeheilt ist – das kann jedoch die Milchmenge negativ beeinflussen. Wenn Stillhütchen Schmerzen reduzieren, ermöglichen sie oft häufigeres Stillen und helfen dadurch, die Milchproduktion aufzubauen oder zu erhalten.¹¹

Eine große Studie mit 7113 Müttern zeigte, dass eine kurzfristige Nutzung von Stillhütchen meist positive Effekte hatte: weniger schmerzende Brustwarzenschmerzen und eine höhere Wahrscheinlichkeit, weiter zu stillen.¹²

Mütter, die Stillhütchen länger verwendeten, hatten häufiger Schwierigkeiten beim Übergang zurück zum Stillen ohne Hütchen und empfanden sie als unpraktisch. Gleichzeitig ist wichtig zu beachten, dass diese Gruppe häufiger besondere Ausgangsbedingungen hatte: Sie hatten öfter Früh- oder späte Frühgeborene, Babys mit niedrigerem Geburtsgewicht, waren häufiger Erstgebärende, rauchten häufiger, hatten einen höheren BMI und waren im Durchschnitt jünger. Das zeigt, wie stark soziale und demografische Faktoren die Stilldauer beeinflussen können.

In der Studie endete das Stillen bei langfristiger Nutzung von Stillhütchen häufiger früher. Es zeigte sich jedoch: Bei Mehrgebärenden gab es keinen Unterschied in der Stilldauer – unabhängig davon, ob Stillhütchen kurz- oder langfristig verwendet wurden.

Der häufigste Grund für die Stillhütchen-Nutzung war schmerzhaftes Stillen, oft aufgrund von wunden oder beschädigten Brustwarzen. Wurden Stillhütchen hauptsächlich aus diesem Grund genutzt, war die Anwendung meist kurzfristig und die Stillraten waren höher. Wenn Stillhütchen hingegen wegen Andockproblemen oder wegen Sorgen über eine zu geringe Milchmenge eingesetzt wurden, waren die Stilldauern kürzer – was die Wichtigkeit professioneller Stillberatung unterstreicht.¹²

Die Erfahrungen waren insgesamt sehr unterschiedlich – sowohl positiv als auch negativ. Wichtig ist: Stillhütchen sind kein Allheilmittel. Manche Babys akzeptieren sie nicht wie erwartet, und eine lange Nutzung kann in manchen Fällen auch die Milchproduktion reduzieren, wenn das Baby die Brust nicht ausreichend stimuliert. Deshalb ist es entscheidend, dass Fachpersonen die Situation individuell beurteilen, Mütter gezielt begleiten und die Ursache für die Stillhütchen-Nutzung klären, um passende Unterstützung bieten zu können.

Stillhütchen schrittweise reduzieren und abgewöhnen

Die Entscheidung, Stillhütchen einzuführen, sollte immer individuell getroffen werden – idealerweise nach einer fachkundigen Stillberatung. Vor der Einführung  sollte sichergestellt werden, dass das Anlegen und der Saugreflex optimal sind.. Ebenso sollte von Beginn an ein Plan zum Absetzen der Stillhütchen erstellt werden, da eine längere Nutzung mit einer geringeren Milchmenge und kürzerer Stilldauer in Verbindung gebracht wird.

Möglichkeiten zum Abgewöhnen:

1. Gründe für die Nutzung klären, um individuell beraten zu können.

2. Persönliche Unterstützung zur Kontrolle von Andocken und Anlegetechnik ohne Hütchen.

3. Stillen ohne Hütchen ausprobieren. Wenn das nicht funktioniert: Stillstart mit Hütchen und – sobald der Milchfluss einsetzt – Hütchen entfernen und erneut anlegen.

4. Stillpositionen variieren (z. B. Rückengriff, zurückgelehntes Stillen) oder Techniken für ein tiefes Andocken nutzen.

5. Während Haut-zu-Haut-Kontakt weglassen oder versuchen anzulegen, wenn das Baby halb schläfrig ist.

6. Vor dem Stillen kurz abpumpen kann die Brust weicher machen und das Andocken erleichtern.

7. Brustkompressionen können helfen, wenn das Baby ohne Hütchen unruhig wird.

8. Geduld ist entscheidend: Es braucht oft Zeit – regelmäßiges Üben und Ermutigung helfen.

Fazit

Stillhütchen können eine wichtige Unterstützung sein – besonders bei Frühgeborenen, indem sie das effektive Andocken erleichtern, das Stillen angenehmer machen und das Vertrauen der Mutter stärken. Richtig eingesetzt können sie helfen, Stillhürden zu überwinden und sicherzustellen, dass Frühgeborene die Nährstoffe erhalten, die sie für gesundes Wachstum und Entwicklung brauchen.

Bei reif geborenen Babys können Stillhütchen vorübergehend Komfort und Unterstützung bieten, etwa bei schmerzenden oder wunden Brustwarzen. Dabei ist es wichtig, individuell zu begleiten, damit das Stillen mit Stillhütchen gut funktioniert und die Nutzung beendet werden kann, sobald die Brustwarzen abgeheilt sind.

Veröffentlicht im Januar 2026. Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit einer Expertin erstellt, die von MAM eine Vergütung erhielt.

Angela Willis MSc

Professional development, PGDip Specialist Community Public Health Nursing, BSc Hons Midwifery

Angie Willis (UK) ist eine registrierte und praktizierende Hebamme im NHS UK ( Anm. National Health Service UK) und eine registrierte Sozialarbeiterin in der Gesundheitsfürsorge. Angie Willis absolvierte ihren Master in Professional Development mit Spezialisierung in öffentlicher Gesundheitspflege, perinataler psychischer Gesundheit und Optionen für Frauen nach vorangegangener Kaiserschnittgeburt. Angie ist auch als Breastfeeding-Peer ( Anm. gleicht Stillberaterin im DACH Raum) tätig, wo sie die Auswirkungen von Geburtstraumata auf Frauen und deren Still-Weg aus erster Hand erlebt.

Referenzen
  1. Meier PP, et al (2000) Nipple shields for preterm infants: effect on milk transfer and duration of breastfeeding. J Hum Lact. 16(2):106-14; PMID: 11153341.
  2. Aloysius, A. Lozano, S. (2007) Provision of nipple shields to preterm infants on a neonatal unit: A survey of current practice. Infant 3(3). Pp94-99.
  3. Lang S. Breastfeeding Special Care Babies. 2nd ed. Balliere Tindall. 2002
  4. Clum, D., Primomo, J. (1996) Use of a silicone nipple shield with premature infants. J Hum Lact. 12:287–290.
  5. Geddes, D.T., et al. (2014). The Effect of Nipple Shields on Breastfeeding Outcomes in Preterm Infants. Breastfeeding Medicine.
  6. Buck, M., et al (2014) Nipple pain, damage and vasospasm in the first 8 weeks postpartum. Breastfeeding medicine. 9(2). Pp56-62.
  7. Camargo, B et al (2023) Initial nipple damages in breastfeeding women: analysis of photographic images and clinical associations. Rev bras enferm 8;77(1).
  8. Koberling, A., et al (2023) Nipple trauma in lactation – literature review. Journal of pre-clinical and clinical research 17(3).Pp171-175.
  9. Olalere, O., Harley, C. (2024) An evidence-based nipple care pathway for new breastfeeding mothers: A delphi study. British journal of midwifery. 32(7). Pp352-362
  10. Amir, L., Bearzatto, A. (2016) Overcoming challenges faced by breastfeeding mothers. Aust Fam Physician. Aug;45(8):552-6. PMID: 27610443.
  11. Breastfeeding Network. (2025) Cracked nipples and moist wound healing. Available from: https://www.breastfeedingnetwork.org.uk/factsheet/moist-wound-healing/. Accessed 2 October 2025.