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Scientific Article

Hautpflege bei Neugeborenen und deren Auswirkungen auf das Hautmikrobiom

Angela Willis


Die Haut eines Neugeborenen ist eine Schutzbarriere, die eine Vielzahl unterschiedlicher Mikroorganismen beherbergt – zusammen als Hautmikrobiom bezeichnet. Das Hautmikrobiom spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit und Entwicklung des Babys, da es die Immunantwort, die Hautgesundheit und das allgemeine Wohlbefinden beeinflusst.¹ Es entsteht bereits während der Schwangerschaft und wird bei der Geburt besiedelt. Anschließend wächst und diversifiziert es sich bis zur Pubertät, wenn hormonelle und entwicklungsbedingte Veränderungen zu einer stabileren Zusammensetzung führen, die bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Daher ist es wichtig zu verstehen, wie Hautpflegepraktiken bei Neugeborenen mit dem Hautmikrobiom interagieren, um eine gesunde Entwicklung zu fördern.

Was ist das Hautmikrobiom?


Das Hautmikrobiom besteht aus etwa einer Million Bakterien, Pilzen, Viren und anderen Mikroorganismen pro Quadratzentimeter Hautoberfläche. Diese Mikroorganismen erfüllen verschiedene Aufgaben, darunter den Schutz vor Krankheitserregern, die Regulierung des pH-Werts der Haut und die Unterstützung der Entwicklung des Immunsystems. ¹ Bei Neugeborenen ist das Hautmikrobiom besonders wichtig, da es die Grundlage für die mikrobielle Besiedlung legt und langfristig die Gesundheit beeinflussen kann. Die Forschung zu seiner Bedeutung steckt noch in den Anfängen, aber es gibt Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Veränderungen des Darm- und Hautmikrobioms und gesundheitlichen Auswirkungen im gesamten Lebensverlauf.²

Die erste Besiedlung beginnt bereits in der Schwangerschaft. Unterschiede lassen sich beispielsweise in Familien mit Haustieren oder nach der Einnahme von Antibiotika feststellen.³ Die Kolonisierung setzt sich bei der Geburt fort und wird beeinflusst durch Faktoren wie Geburtsart (vaginale Geburt oder Kaiserschnitt), Schwangerschaftsdauer, genetische Veranlagung, das Mikrobiom der Mutter und Umwelteinflüsse.² ⁴

Vaginale Geburt: Übertragung von Mikroorganismen aus der Vaginal Flora der Mutter, reich an Lactobacillus spp. und anderen nützlichen Bakterien.

Kaiserschnitt: Besiedlung überwiegend durch Haut- und Umweltkeime, oft mit geringerer Vielfalt.⁵

Haut-zu-Haut-Kontakt mit der Mutter oder dem zweiten Elternteil direkt nach der Geburt unterstützt ebenfalls die Entwicklung eines gesunden Hautmikrobioms.⁵ ⁶ Auch anhaltender Hautkontakt im Wochenbett bringt Vorteile.⁷ Die Känguru-Pflege – Hautkontakt zwischen Mutter und Frühgeborenem – wirkt sich ebenfalls positiv aus.⁸ Stillen überträgt zudem nützliche Bakterien von der Haut und Milch der Mutter auf das Kind und bereichert so die mikrobielle Gemeinschaft.⁸

Eine hohe mikrobielle Vielfalt ist entscheidend für ein gesundes Hautmikrobiom. Sie stärkt die Fähigkeit der Haut, Krankheitserreger abzuwehren, reguliert Entzündungen und unterstützt das Immunsystem.⁹ Für Neugeborene ist es wichtig, frühzeitig eine stabile mikrobielle Gemeinschaft aufzubauen. Praktiken, die diese Vielfalt fördern, helfen, ein ausgewogenes Mikrobiom zu entwickeln.¹⁰

Vernix

Vernix caseosa, oft einfach Vernix genannt, ist eine wachsartige, weiße Substanz, die die Haut von Neugeborenen bei der Geburt bedeckt. Sie besteht aus Wasser, Lipiden und Proteinen und erfüllt mehrere wichtige Funktionen:

• Schutzbarriere gegen Fruchtwasser

• Vorbeugung von Hautschäden

• Unterstützung der Feuchtigkeitsversorgung im Mutterleib

• Antibakterielle Wirkung

Früher wurde Vernix oft direkt nach der Geburt abgewaschen. Heute wird – sofern möglich – sofortiger Haut-zu-Haut-Kontakt empfohlen. Studien deuten zudem darauf hin, dass Vernix die Thermoregulation unterstützt und den Wärmeverlust nach der Geburt verringert.¹³ Auch wenn sich Vernix in den Stunden oder Tagen nach der Geburt von selbst ablöst, raten viele Fachkräfte, ihn zunächst auf der Haut zu belassen, um seine schützende Wirkung zu maximieren.¹¹

Baden

Baden ist eine der häufigsten Hautpflegepraktiken bei Neugeborenen. Zeitpunkt und Häufigkeit können jedoch das Hautmikrobiom stark beeinflussen.
 
• Das erste Bad sollte mindestens 24 Stunden nach der Geburt erfolgen, um die natürliche Übertragung mütterlicher Mikroben zu ermöglichen.¹² 
 
• Übermäßiges Baden kann die Haut ihrer natürlichen Fette berauben, das Mikrobiom stören und Hautprobleme wie Ekzeme oder Dermatitis begünstigen.¹⁴ 
 
• Häufiges Waschen mit aggressiven Seifen oder der Einsatz starker Antiseptika kann das Risiko für Haut- und Allergieerkrankungen erhöhen. 
 
Aktuelle Empfehlungen: In den ersten 4–6 Lebenswochen auf Reinigungsmittel oder Badezusätze verzichten. Wird später ein Produkt verwendet, sollte es unparfümiert, für Babys geeignet und pH-neutral (ca. 5,5–7,0) sein.¹⁵ Studien zeigen, dass Babys mit geringerer mikrobieller Vielfalt ein erhöhtes Risiko für Ekzeme und Asthma haben. Daher ist es wichtig, pflegende Praktiken zu wählen, die die Vielfalt fördern.⁷ ¹⁰

Feuchtigkeitspflege

Die Forschung zum Einsatz von Emollientien bei Neugeborenen ist uneinheitlich.³ Die einzige bisherige Studie, die Vorteile der Feuchtigkeitspflege mit handelsüblichen Babyprodukten nachweisen konnte, wurde von einem Unternehmen mit Eigeninteresse finanziert.¹⁶ Derzeit gilt: Keine routinemäßige Verwendung von Feuchtigkeitsprodukten – nur auf Empfehlung einer medizinischen Fachkraft und bei spezifischen Hautproblemen.¹⁵

Schutz der Hautbarriere

Die Hautbarriere ist die erste Abwehr gegen Krankheitserreger und Umweltreize.

 • In den ersten Lebenswochen keine parfümierten Feuchttücher oder Reinigungsmittel verwenden, da diese das Mikrobiom stören können.¹⁷

 • Ab dem zweiten Monat können milde, parfümfreie und pH-neutrale Reinigungsmittel für Babys genutzt werden.¹⁸

Kleidung und Umweltfaktoren

Auch Kleidung und Umweltbedingungen beeinflussen das Hautmikrobiom.

• Weiche, atmungsaktive Stoffe reduzieren Hautreizungen und unterstützen die mikrobielle Besiedlung.¹⁸

• Überhitzung und zu hohe Feuchtigkeit begünstigen schädliche Bakterien.

• Eine kontrollierte Umgebung mit passender Luftfeuchtigkeit und Temperatur fördert Haut- und Mikrobiomgesundheit.¹⁸ ¹⁹ ²⁰ ²¹

Diskussion

Die genannten Praktiken haben einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklung und Zusammensetzung des Hautmikrobioms. Studien zeigen: Ein vielfältiges, ausgewogenes Mikrobiom senkt das Risiko für Allergien, Ekzeme und andere Hautprobleme.²² ²³ Praktiken wie verzögertes Baden und sanfte Reinigung fördern diese Vielfalt.

Wird das Mikrobiom gestört, kann es zu Dysbiose kommen – einem Ungleichgewicht der Mikroorganismen, das mit verschiedenen Erkrankungen in Verbindung steht.²³

Fazit:

Hautpflegepraktiken in den ersten Lebensmonaten beeinflussen die Entwicklung des Hautmikrobioms maßgeblich. Sanfte, mikrobiomfreundliche Methoden helfen, eine gesunde mikrobielle Vielfalt aufzubauen und langfristige gesundheitliche Vorteile zu sichern. Mehr Aufklärung und Wissen über dieses Thema können dazu beitragen, nicht nur die Hautgesundheit, sondern das gesamte Wohlbefinden von Kindern zu fördern.

Dieser wissenschaftliche Artikel wurde von einer Expertin verfasst, die von MAM eine Vergütung erhalten hat. Veröffentlicht im Oktober 2025.

Angela Willis MSc

Professional development, PGDip Specialist Community Public Health Nursing, BSc Hons Midwifery

Angie Willis (UK) ist eine registrierte und praktizierende Hebamme im NHS UK ( Anm. National Health Service UK) und eine registrierte Sozialarbeiterin in der Gesundheitsfürsorge. Angie Willis absolvierte ihren Master in Professional Development mit Spezialisierung in öffentlicher Gesundheitspflege, perinataler psychischer Gesundheit und Optionen für Frauen nach vorangegangener Kaiserschnittgeburt. Angie ist auch als Breastfeeding-Peer ( Anm. gleicht Stillberaterin im DACH Raum) tätig, wo sie die Auswirkungen von Geburtstraumata auf Frauen und deren Still-Weg aus erster Hand erlebt.

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