Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

Scientific Article

Das vierte Trimester: Fütterungssignale erkennen und Hypoglykämie bei Neugeborenen verstehen

Angela Willis


Das sogenannte „vierte Trimester“ – die ersten zwölf Wochen nach der Geburt – stellt für frischgebackene Eltern eine Phase dar, die sowohl von Freude als auch von Unsicherheiten geprägt sein kann.1,2,3 Ein zentraler Aspekt in dieser Zeit ist das Verständnis von Fütterungssignalen, um eine adäquate Nahrungsaufnahme beim Baby sicherzustellen. Neugeborene benötigen eine kontinuierliche Energiezufuhr für ihr Wachstum; Hypoglykämie (Unterzuckerung) stellt hierbei ein ernstzunehmendes Risiko dar. Wird nicht zeitnah interveniert, kann dies zu schwerwiegenden Komplikationen führen. Dieser Fachartikel beleuchtet, wie Eltern bei der Interpretation von Fütterungssignalen unterstützt und über Hypoglykämie informiert werden können, um so die Sicherheit von Säuglingen weiter zu verbessern.4,5

Neonatale Hypoglykämie


Die neonatale Hypoglykämie zählt zu den häufigsten Stoffwechselstörungen bei Neugeborenen – insbesondere während der ersten vier bis fünf Lebenstage.4 In dieser kritischen Phase ist das Risiko aufgrund physiologischer Anpassungsprozesse sowie der vollständigen Abhängigkeit von der Bezugsperson bezüglich der Nahrungsaufnahme besonders hoch. Werden Fütterungssignale übersehen oder ein schläfriges Neugeborenes nicht geweckt, um es zu füttern, kann der Energiebedarf nicht gedeckt werden, was den Übergang zur stabilen Milchversorgung zusätzlich verzögert. Während die Folgen einer milden Hypoglykämie noch nicht vollständig geklärt sind, kann eine persistierende Hypoglykämie die neurologische Entwicklung erheblich beeinträchtigen.5,6

Während der Schwangerschaft wird Glukose kontinuierlich über die Plazenta übertragen, um Wachstum und Entwicklung des Fötus zu ermöglichen. Gegen Ende der Schwangerschaft liegt der durchschnittliche maternale Glukosespiegel bei ca. 3,5 mmol/l und steigt während der physiologischen Wehen auf etwa 4,6 mmol/l an.7,8 Nach einem geplanten Kaiserschnitt liegt der durchschnittliche Glukosespiegel des Neugeborenen bei ca. 3,9 mmol/l, während er bei instrumentellen Geburten, z. B. mit Atemunterstützung, bei rund 5,8 mmol/l liegt.9,10

Nach Abnabelung übernimmt die kindliche Leber die Glukosehomöostase. Innerhalb der ersten 30 Minuten postnatal fällt der Blutzuckerspiegel zunächst ab, da Energie für den Übergang in das extrauterine Leben benötigt wird. Im Schnitt sinkt der Wert auf ca. 2,9 mmol/l, steigt jedoch innerhalb von 60–90 Minuten auf etwa 3,1 mmol/l an.9,10,11 Eine frühzeitige Nahrungsaufnahme in dieser Phase kann helfen, die Normoglykämie aufrechtzuerhalten. Bei gesunden, gestillten Säuglingen liegt der mittlere Blutzuckerspiegel bei etwa 3,3 mmol/l; bis zum vierten Lebenstag steigt er auf rund 4,5 mmol/l an.8,9,10

Der untere Referenzwert für die Blutzuckerkonzentration bei reifen Neugeborenen liegt bei < 2,6 mmol/l. Die Behandlungsgrenzen sind jedoch regional unterschiedlich. Eine randomisierte kontrollierte Studie zeigte keine signifikanten Unterschiede in der neurologischen Entwicklung im Alter von 18 Monaten bei Behandlungsgrenzen von 2,0 mmol/l versus 2,6 mmol/l. Zahlreiche Kliniken im Vereinigten Königreich setzen Interventionsgrenzen bei ≤ 2,0 mmol/l oder ≤ 2,6 mmol/l an, insbesondere bei klinischen Symptomen einer Hypoglykämie. 

Eine schwere Hypoglykämie kann zu einer hypoxisch-ischämischen Enzephalopathie und sogar zum Tod führen. Eine Analyse von Schadensersatzforderungen bei der NHS Litigation Authority in Bezug auf 30 in der 36. Schwangerschaftswoche geborene Kinder (2002–2011) zeigte, dass 25 Fälle mit bleibenden Schäden insgesamt 162.166.677 £ an Prozesskosten verursachten. Die Studie betont die Notwendigkeit gezielter Schulungen für medizinisches Fachpersonal zur Erkennung, Diagnose und Behandlung der neonatalen Hypoglykämie.15

Risikofaktoren


Zu den Risikofaktoren für eine Hypoglykämie gehören:5,6,14,17,18,19

 

• Kinder diabetischer Mütter (Hyperinsulinismus) 

• Niedriges Geburtsgewicht (< 2. Perzentile) 

• Frühgeburt 

• Intrauterine Wachstumsrestriktion (IUGR) 

• Sepsis 

• Medikation mit α-/β-Blockern

 • Niedrige Nabelschnur-pH-Werte 

• Hormonelle Störungen 

• Stoffwechselerkrankungen

 • Unzureichende Ernährung des Neugeborenen

Symptome der Hypoglykämie


Die klinischen Zeichen einer neonatalen Hypoglykämie sind oft unspezifisch und subtil. Zu den häufigsten Symptomen zählen


• Tremor

 • Schlechte Trinkleistung (kein Erwachen zum Füttern, unregelmäßiges Saugen, unzureichendes Anlegen)

• Lethargie

• Temperaturinstabilität

• In schweren Fällen: Krampfanfälle oder Bewusstseinsstörungen4,5,17,18

Prävention


Die Prävention beginnt bereits pränatal durch gezielte Aufklärung der werdenden Mütter über die Bedeutung einer stabilen Blutzuckerkontrolle. Bei Risikoschwangerschaften kann das manuelle Abpumpen von Kolostrum bereits vor der Geburt hilfreich sein, um die ersten Mahlzeiten sicherzustellen und das elterliche Selbstvertrauen zu stärken. Die frühe Identifikation von Risikoneugeborenen und die zeitnahe Umsetzung geeigneter Interventionen sind entscheidend. 20,21

Postnatal sollten die Säuglinge warmgehalten, Haut-zu-Haut-Kontakt gefördert und innerhalb der ersten Lebensstunde gefüttert werden.22,23

Eine engmaschige Überwachung gefährdeter Neugeborener durch medizinisches Fachpersonal ist essenziell, um Komplikationen frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. Zeigt ein Baby reduzierte Wachheit, ist es wichtig, es zum Füttern zu wecken. In der Phase regelmäßiger Blutzuckermessungen sollten Mahlzeiten alle drei Stunden angeboten werden. Eltern sind über Fütterungssignale und die Bedeutung rechtzeitiger Nahrungsaufnahme zur Vermeidung einer Hypoglykämie aufzuklären.

Therapie der Hypoglykämie


Die primäre Maßnahme bei Hypoglykämie ist die sofortige Glukosezufuhr. Bei milder bis moderater Ausprägung kann dies durch orale Gabe von Muttermilch oder Säuglingsnahrung erfolgen. 4,5,18 Persistiert der niedrige Wert, ist die zusätzliche Gabe einer Glukoselösung indiziert. In schweren Fällen ist eine intravenöse Dextrosegabe notwendig. Klinikinterne Therapieprotokolle können variieren, weshalb laufende Forschung und Fortbildung für die Versorgungsqualität entscheidend sind.

Elternaufklärung zu Fütterungssignalen


Eltern müssen in der Lage sein, Fütterungssignale ihres Neugeborenen sicher zu erkennen. Zu den typischen Hinweisen zählen:

 • Hand-zu-Mund-Bewegungen

 • Saugen an Fingern

 • Suchreflex (Wühlen) Die neonatale Hypoglykämie ist eine vermeidbare Störung. 

Die Rolle des medizinischen Fachpersonals liegt in der rechtzeitigen Identifikation, Beurteilung und interdisziplinären Behandlung – idealerweise in enger Zusammenarbeit mit den Eltern.

Gesundheitspersonal kann Eltern durch folgende Maßnahmen unterstützen:

 • Beobachtung und Rückmeldung zu Fütterungsmustern

 • Förderung bedarfsorientierter Fütterung

 • Schaffung einer ruhigen Umgebung während der Nahrungsaufnahme

 • Unterstützung bei Stillproblemen und Stillmanagement

 • Ermutigung zur Kolostrumgewinnung – insbesondere bei erhöhtem Risiko


Dieser Fachartikel wurde von einer Expertin verfasst, welche ein Honorar von MAM erhalten hat.

 Veröffentlicht im Juni 2025


Angela Willis MSc

Professional development, PGDip Specialist Community Public Health Nursing, BSc Hons Midwifery

Angie Willis (UK) ist eine registrierte und praktizierende Hebamme im NHS UK ( Anm. National Health Service UK) und eine registrierte Sozialarbeiterin in der Gesundheitsfürsorge. Angie Willis absolvierte ihren Master in Professional Development mit Spezialisierung in öffentlicher Gesundheitspflege, perinataler psychischer Gesundheit und Optionen für Frauen nach vorangegangener Kaiserschnittgeburt. Angie ist auch als Breastfeeding-Peer ( Anm. gleicht Stillberaterin im DACH Raum) tätig, wo sie die Auswirkungen von Geburtstraumata auf Frauen und deren Still-Weg aus erster Hand erlebt.

Referenzen:

 1. Guendelman, S., Wang, S.X., Lahiff, M. et al. (2024) Clinician care priorities and practices in the fourth trimester: perspective from a California survey. BMC Pregnancy Childbirth 24, 502. https://doi.org/10.1186/s12884-024-06705-7

2. Tully, K., Stuebe, A., Verbiest, S. (2017) The fourth trimester: a critical transition period with unmet maternal health needs American Journal of Obstetrics and Gynecology 217(1). Pp 37-41.

3. Tully, K., Stuebe, A., Verbiest, S. (2017) Promoting maternal and infant health in the 4th trimester. National centre for infants. Pp34-44.

4. British Association of paediatric medicine (BAPM). (2017) Identification and management of hypoglycaemia in the full term infant: Framework for practice . 

5. NHS Scotland (2023) Hypoglycaemia in term infants. Available from: https://clinicalguidelines.scot.nhs.uk/ggc-paediatric-guidelines/ggc-paediatric-guidelines/neonatology/hypoglycaemia-term-infants/#:~:text=If%20baby%20is%20not%20feeding,SCBU%2FTC%20for%20NG%20feeding.&text=Maintain%20blood%20glucose%20above%202.5,after%20full%20enteral%20feeds%20established%20. 

6. Harding, J., Alsweiler, J., Edwards, T., McKinlay, C (2024).Neonatal hypoglycaemia: BMJ Medicine. 

7. Diggikar, S., Trif, P., Mudura, D., Prasath, A., Mazela, J., Ognean, M. L., Kramer, B. W., & Galis, R. (2024). Neonatal Hypoglycemia and Neurodevelopmental Outcomes—An Updated Systematic Review and Meta-Analysis. Life, 14(12), 1618. 

8. Nicolini, U,. Hubinont, C., Santolaya, J., et al. (1989( Maternal-fetal glucose gradient in normal pregnancies and in pregnancies complicated by alloimmunisation and growth retardation. Am J Obstet Gynaecol 161:924-927 

9. Zanardo, V., Mari, G., De Luca, F., et al. (2015) Lactate in cord blood and it’s relation to fetal gluconeogenesis in at term deliveries. Early human development 91 Pp165-168 

10. Wang, J., Shen., S., Price, ., et al. (2020) Glucose, insulin, and lipids in cord blood of neonates and their association with birthweight:differential metabolic risk of large for gestational age and small for gestational age babies. Journal pediatric 220.Pp64-72. 

11. Vanspranghels, R., Houfflin-Debarge, V., Deken, V. et al. (2020) Umbilical cord arterial and venous gases, ionogram, and glucose level for predicting neonatal morbidity at term. Eur J obstet gynecol reprod boil 252 Pp 181-186. 

12. Van Kempen AAMW, Eskes PF, Nuytemans DHGM, et al. (2020) Lower versus traditional treatment threshold for neonatal hypoglycemia. N Engl J Med 382:534–44. 

13. Rajesh Shah, Jane Harding, Julie Brown, Christopher McKinlay (2019) Neonatal Glycaemia and Neurodevelopmental Outcomes: A Systematic Review and Meta-Analysis. Neonatology.; 115 (2): 116–126. 

14. McKinlay, C. J., & McCowan, L. M. (2016). The impact of maternal diabetes on neonatal hypoglycemia: A population-based study. Diabetes Care, 39(3), 467-47 

15. Hawdon JM, Beer J, Sharp D, Upton M (2017) NHS Improvement Patient Safety Programme ‘Reducing Term Admissions to Neonatal Units’. Neonatal hypoglycaemia: learning from claims. Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed. Mar;102(2) 

16. Gonzalez, M. L., Smith, L. E., & Lutz, K. F. (2018). Feeding Cues and Responsive Feeding: A Review of the Literature. Journal of Pediatric Nursing, 43, 14-19. doi:10.1016/j.pedn.2018.07.005 

17. Harris, K. A., & Dunne, E. F. (2020). Neonatal Hypoglycemia: Current Diagnosis and Management. American Journal of Perinatology, 37(3), 285-295. 

18. McKinlay CJD, Alsweiler JM, Anstice NS, et al. (2017) Association of Neonatal Glycemia With Neurodevelopmental Outcomes at 4.5 Years. JAMA Pediatr. 171(10):972–983. 

19. Kumar, A., & Jain, S. K. (2018). Neonatal Hypoglycemia: A Review. Journal of Clinical Neonatology, 7(2), 87-93 

20. Chen, S., Washio, Y., Liu, A. et al. (2023) Teaching antenatal hand expression: a feasibility study in an inner urban U.S. hospital. Int Breastfeed J 18, 39 

21. Forster DA, Moorhead AM, Jacobs SE, Davis PG, Walker SP, McEgan KM, et al. (2017) Advising women with diabetes in pregnancy to express breastmilk in late pregnancy (diabetes and antenatal Milk expressing [DAME]): a multicentre, unblinded, randomised controlled trial. Lancet. 389(10085):2204–13. 

22. Casey JRR, Banks J, Braniff K, Buettner P, Heal C. (2019) The effects of expressing antenatal colostrum in women with diabetes in pregnancy: a retrospective cohort study. Aust N Z J Obstet Gynaecol. 59(6):811–8. 

23. Johnsen, M., Klingenberg, C., Brand, M. et al. (2021) Antenatal breastmilk expression for women with diabetes in pregnancy - a feasibility study. Int Breastfeed J 16, 56.