Mutter stillt Baby und hält seinen Kopf

Stillen & Babyernährung

Saugverwirrung bei Stillkindern

Mit MAM-Experte Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl


Stillen ist toll – Schnuller und Flaschen allerdings auch. Wie ist das nun aber mit der Saugverwirrung? Gibt es die wirklich? Was es damit auf sich hat, erläutert MAM-Experte Univ. Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Vorstand der Kinder- und Jugendabteilung im Landeskrankenhaus Hochsteiermark (Österreich).

Saugbedürfnis und Saugreflex beim Baby

Babys kommen mit gewissen Reflexen auf die Welt. Sie suchen meist wenige Augenblicke nach der Geburt schon die Brust. Vom Geruchssinn angeleitet, tasten sie sich zur Brustwarze voran, um erste Saugversuche zu starten. Dennoch wird angenommen, dass das effektive Leeren der Brust eine Technik ist, die auch Babys erst lernen bzw. perfektionieren müssen.

In Fachkreisen wird diskutiert, ob der Wechsel zwischen künstlichen Saugern wie Flaschen oder Schnullern und Brust am Beginn der Stillbeziehung dazu führen kann, dass das Neugeborene nicht lernt bzw. verlernt, richtig an der Brust zu trinken. Es existieren nämlich kaum aussagekräftige Studien zum Thema „Saugverwirrung“. Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl weiß als Spezialist mehr dazu:


Definition der Saugverwirrung

„Gemeint ist mit dem Begriff meistens, dass Babyflasche und Schnuller das Stillen negativ beeinflussen. Säuglinge sollen durch die Verwendung von Babyflaschen bzw. Schnuller so „verwirrt“ werden, dass sie die Brust ablehnen oder Probleme mit der Saugtechnik beim Stillen bekommen.“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Kerbl. Die ursprüngliche medizinische Definition des englischen Fachausdrucks „nipple confusion“ war allerdings eine andere: Diese bezog sich auf ein spezielles Verhalten des Säuglings. Dabei dreht sich das Baby von der Brust weg bzw. verweigert das Baby die Aufnahme der Brustwarze.

Die amerikanische Kinderärztin Marianne Neifert beschäftigte sich im Jahr 1995 näher mit dem Thema und definierte 2 Typen von Babys:


# Typ A:
Neugeborene, die ein Problem haben, die Brust richtig in den Mund zu nehmen und keine Saugtechnik entwickeln können, um Milch aus der Brust zu bekommen. Bei der Mutter kann sich diese Art der Saugverwirrung durch wunde Brustwarzen äußern. Nach dem Stillen fühlt sich die Brust vielleicht voll an, da sie nicht entleert wurde. Ein Milchstau oder eine Brustentzündung können die Folge sein.


# Typ B:
Babys, bei denen das Stillen schon gut funktioniert hat, verweigern plötzlich die Brust bzw. bevorzugen die Flasche.


Die „Saugverwirrung“ aus ärztlicher Sicht

Laut Univ.-Prof. Dr. Kerbl kommt in der wissenschaftlichen Fachliteratur der Begriff „Saugverwirrung“ bzw. „nipple confusion“ kaum vor – ein Hinweis dafür, dass es zu dem Thema wenig systematische Forschung gibt. Bei den vorliegenden Studien zur Flaschenfütterung lässt sich nicht erkennen, ob weniger gestillt wurde, weil die Flasche zum Einsatz kam, oder ob das Stillen nicht klappte und deswegen Milchersatz verwendet wurde.


„Es ist aus den bestehenden Studien kein Rückschluss möglich, ob die Flaschenfütterung das Stillen beeinträchtigt hat oder nicht.“ 
(Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl)


Bei den Schnullerstudien verhält es sich ähnlich: 6 von 10 Studien konnten keinen Zusammenhang zwischen der Schnullerverwendung und dem Stillen feststellen. 4 Studien wiesen eine niedrigere Stilldauer oder kleinere Stillrate aus. Da aber die Fragestellung uneinheitlich war und keine Ursachen untersucht wurden, kann auch hier nicht eindeutig gesagt werden, ob der Schnuller das Stillen beeinflusste oder andere Gründe vorlagen.

Sieht man sich die 5 besten Studien (Level I-A) zur „Saugverwirrung“ an, kommen 4 davon zum Schluss, dass es keine „nipple confusion“ gibt.


Mutter stillt Baby

Das sagen die WHO und Kinderarztverbände

Die WHO rät in den ersten 6 Lebensmonaten ausschließlich zu stillen, berichtet Univ.-Prof. Dr. Kerbl. Wenn man sich die WHO-Empfehlung allerdings genau ansieht, empfiehlt der englische Originaltext eine Beratung der Mütter zum Thema Stillen in Kombination mit Schnuller und Flasche und nicht das Abraten. Auch die ,,American Academy of Pediatrics" (AAP), eine Organisation von 67.000 Kinderärzten, empfiehlt ausdrücklich Schnuller um das Risiko des plötzlichen Kindstods zu reduzieren.


Das rät Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl Eltern

Ganz klar ist, dass Muttermilch die beste Form der Ernährung für Babys darstellt. Stillen ist zumindest bis zum 6. Lebensmonat daher auf alle Fälle empfehlenswert. „Das Zufüttern mit der Flasche ist nur notwendig, wenn ausschließliches Stillen nicht möglich ist. Eltern brauchen sich aber keinen unnötigen Druck machen“, beruhigt Univ.-Prof. Dr. Kerbl.

Einzelne Flaschenmahlzeiten zum Zufüttern in den ersten Tagen wirken sich nicht negativ auf das Stillen aus. Vor allem der Schnuller kann bei einem großen Saugbedürfnis von Babys eine echte Hilfe für Eltern sein – ganz ohne schlechtes Gewissen, meint Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl. Es gibt aus medizinischer Sicht keinen Grund, Eltern vom Schnullergebrauch abzuraten. Wichtig sei lediglich, dass ein qualitativ guter Schnuller verwendet und bis zum 3. Lebensjahr entwöhnt wird.


Prof-Dr-Reinhold Kerbl, Portraitbild

MAM Experte

Univ.-Prof.Dr. Reinhold Kerbl 

Vorstand der Abteilung für Kinder und Jugendliche am LKH Hochsteiermark/Leoben

Fotos: Shutterstock

Quellen: 

Zimmerman, Emily & Thompson, Kelsey. (2015). Clarifying nipple confusion. Journal of Perinatology. 35. 10.1038/jp.2015.83.